v.l.n.r.: Marcus Bensmann (weltreporter.net), Dzevad Karahasan (Schriftsteller), Christiane Schlötzer (JhJ), Ulrich Wilhelm (BR-Intendant)

"17 Monate auf der Flucht"

Basijis gehören zur am meisten gefürchteten Spezialeinheit im Iran. Ihr Name steht für blutige Morde und Gemetzel bei Demonstrationen. Basijis tarnen sich als Demonstranten, rasen mit Motorrädern in protes­tierende Menschen­mengen und gehen mit Messern und Pistolen auf alle los, die Flagge zeigen gegen die religiösen Herr­scher. Basijis gelten als extrem isla­mistisch, ihre Befehle erhalten sie von ganz oben.

Das gehört zu den Schilderungen einer Augen­zeugin, der 34jährigen Jour­na­listin Shabnam Azar, die von den Ein­sätzen dieser Religions­polizei trau­matische Erinnerungen zurück behalten hat. Mit ihrem Mann Ali Chakav floh sie 2010 vor der Geheim­polizei aus Teheran, das Geld dafür stammte aus dem Ver­kauf des ge­mein­samen Autos. Shabnam stammt aus einer Lehrer­familie, ihre Schwester, auch Jour­na­lis­tin, floh vor ihr nach Aus­tralien. "Wir wollten in meiner Familie immer, dass das Land behut­sam re­for­miert wird und einen demo­kratischen Weg ein­schlägt", erzählt die junge Iranerin.  

Die Stationen ihrer abenteuerlichen Flucht: Bangalore, Ankara, Deutschland. Shabnam und Ali hatten Glück im Un­glück. Sie lan­deten in Ankara mit Hilfe von "Reporter ohne Grenzen" und JhJ auf einer Liste der Bundes­regierung, die 50 iranischen Flüchtlingen in Not die Ein­reise in Deutsch­land er­möglichte.

Ankara hat das Paar nicht eben in guter Erinnerung. Dort war es Re­pressalien aus­ge­setzt, die ein normales Leben un­möglich machten. Die türkische Polizei ver­langte 700 Euro Auf­enthalts­gebühr, ihr Ver­mieter eine um ein Drittel höhere Miete, einen Inter­net­zugang musste sich das Paar auf dem Schwarz­markt be­sorgen, An­bieter dürfen mit Flücht­lingen keine Ver­träge ab­schließen. "Die tür­kischen Be­hörden nutzen die Not der Flücht­linge brutal aus", sagt Shabnam. "Das Leben als Flücht­ling ist die Hölle". Der iranische Geheim­dienst sei in der Türkei über­all aktiv. "Es gibt sogar Dro­hungen auf offener Straße". Die Polizei sei bestochen, damit der iranische Geheim­dienst dort un­gestört seinen schmutzigen Geschäften nach­gehen könne.

Shabnam und Ali vermissen ihr Heimat­land, aber sie wissen, dass eine Rück­kehr im Moment nicht möglich ist. "Man denkt immer, bald geht man zurück, aber bevor man sich um­schaut, sind Jahre ver­gangen", sagt Shabnam. Sie und ihr Mann lernen fleißig deutsch, acht Monate sind sie bereits hier. Die Hoffnung, dass sich im Iran etwas zum Besseren ändert, haben sie dennoch nicht auf­ge­geben. "Die meisten Menschen haben den Fanatismus satt", schätzt sie die Lage ein. "Aber die Führer der Oppo­sition sind in Haft oder gesund­heit­lich an­ge­schlagen".

Das Internet hält sie für den einzigen Weg, wie sich die im Unter­grund agierende Oppo­sition bemerk­bar machen könne. Als vor knapp drei Jahren die großen Demon­strationen in Teheran gegen das Regime statt­fanden, seien es nicht - wie im Westen berichtet wurde - Tausende ge­wesen, sondern allein in Teheran vier Millionen Men­schen, sagt Shabnam Azar. Ehrfürchtig spricht sie vom Mut ihrer Lands­leute. "Wenn Frauen für ihre Rechte ein­treten, werden sie immer ver­prügelt oder gleich weg­ge­sperrt. Das war nur zu Zeiten des Präsidenten Khatami nicht so". Trotzdem gebe es Ver­sammlungen.

Ob der Westen etwas tun kann? Shabnam hält viel von engen kulturellen Be­zie­hungen, davon könnte die Bevöl­kerung pro­fi­tieren, sagt sie. "Das Regime hat Angst vor einem Krieg".

Gabriele Rettner-Halder (JHJ)

Copyright: "Westdeutsche Allgemeine Zeitung"

"Journalisten helfen Journalisten" (JhJ) wurde 1993 ge­gründet. Zu den ersten Opfern unter den als Korres­pon­den­ten auf dem Balkan ein­ge­setzten Jour­na­listen gehörte Egon Scotland von der "Süd­deutschen Zeitung". In Erinnerung an ihn und viele weitere in der Ausübung ihres Berufs getöteter und verfolgter Kolleginnen und Kollegen versucht JhJ heute weltweit Journalistinnen und Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten zu helfen.