v.l.n.r.: Marcus Bensmann (weltreporter.net), Dzevad Karahasan (Schriftsteller), Christiane Schlötzer (JhJ), Ulrich Wilhelm (BR-Intendant)

Kollegen, bitte helft uns!

Manchmal erreichen uns Anfragen, die zu lesen schon schwer fällt. Ein freier Journalist aus Belgrad, der bereits seit vielen Jahren mit JhJ in Kontakt steht und dem wir auch schon häufig geholfen haben, schickte uns in den ersten Novembertagen dieses Jahres folgende Mail:

"Ich muss Euch dringend um Hilfe bitten, obwohl Ihr vor einigen Monaten mitgeteilt habt, dass in diesem Jahr nichts mehr zu machen ist. Ich bin wegen vielen Aufregungen sehr krank geworden. In meinem linken Arm ist ein Klumpen gewachsen, manchmal tut es sehr weh und seit einem Monat etwa habe ich starke Schmerzen im ganzen linken Arm, den ich jetzt kaum noch bewegen kann. Ärzte sagen dass im Augenblick mein Blutdruck zu hoch ist - bis 220/110 und dass er sinken muss. Dafür verschreiben sie mir Arzneien, diese helfen nicht und neue muss man bezahlen und wir haben kein Geld dafür. Ich darf Dir überhaupt nicht erzählen, wie schlimm es uns wirklich geht, dass jetzt ist das Schlimmste, denn wen ich jetzt sterbe brauche ich keine Arbeit und kein Geld, aber was macht meine Familie dann. Binnen zwei Tagen müssen wir einen Teil der Stromschulden bezahlen, sonst werden wir ohne Strom bleiben. Das wäre fürchterlich, es ist bitterkalt, es schneit und wir müssen mit Strom heizen denn wir wohnen in einem 90 Jahre alten Haus, wo Fenster und Türe undicht sind und die Decke feucht geworden ist. Mir ist es wirklich peinlich, Euch damit zu belästigen, aber ich bin ein verzweifelter Mensch, der versucht unser Leben noch auf einen Existenzminimum zu erhalten und das ist so schwer. Kollegen, bitte helft uns!"

Wir mussten diese Mail nicht übersetzen, weil der Kollege sehr gut die deutsche Sprache beherrscht. Freunde aus dem Umfeld von JhJ, die die Situation in den Regionen von Ex-Jugoslawien gut kennen, haben uns bestätigt, daß die Lebenssituation von arbeitslosen oder prekär beschäftigten Journalisten tatsächlich dramatisch ist. Dzevad Karahasan, ein auch in Deutschland mit seinen Romanen sehr erfolgreicher Schriftsteller aus Sarajewo schrieb uns etwa: "Es handelt sich hier keinesfalls ein Einzelfall, dutzende oder gar hunderte Journalisten, Handwerker u.ä. leiden beinahe Hunger in Bosnien und Kroatien, wo ich öfters unterwegs bin. Alltäglich kann ich mich überzeugen, wie schlimm die Situation für viele Menschen auf dem Balkan ist." Jede schnelle Hilfe, die man hier leistet, ist bitter notwendig. Aber ist das eine längerfristige Lösung für Menschen die so verzweifelt sind wie der Kollege, der uns diese flehentliche Bitte schickte? Was kann und sollte man tun...?
cwm



20 Jahre "Journalisten helfen Journalisten"

Ein Interview in medium:online von Annette Milz

Mit einer Festveranstaltung in München beging der gemeinnützige Verein "Journalisten helfen Journalisten e.V."  sein 20jähriges Bestehen.  Carl-Wilhelm Macke über die Bilanz, die doch nur eine Zwischenbilanz sein kann, denn die Notwendigkeit zur Hilfe für Kollegen nimmt eher zu als ab. 20 Jahre Jour­nalisten helfen Journalisten: Führen Sie eigentlich Buch, wie vielen Kol­le­ginnen und Kol­legen aus wie vielen Ländern Ihr Verein bis heute hat helfen konnten?

Foto © mediummagazin

Carl-Wilhelm Macke, Koordinator von JhJ e.V.

Carl-Wilhelm Macke: Wir bemühen uns schon, Jahr für Jahr wenigstens die Namen der Jour­na­listinnen und Jour­na­listen fest­zu­halten, denen wir geholfen haben. Aber wie Hilfen sehr unterschiedlich waren und sind, so bleibt immer auch nur ein Teil der Namen im Ge­dächt­nis und im JhJ-Archiv. Die Zahl der Fälle an­zu­geben, ist fast un­möglich, da manche Hilfen ja auch ganze Familien be­treffen wie zum Bei­spiel nach Todes­fällen. Aktuell unter­stützen wir etwa die Familie eines im spanischen Exil verstorbenen ku­ba­nischen Jour­nalisten, der es in­mitten der aktuellen spa­nischen Wirt­schafts­krise dra­matisch schlecht geht. Kontakte hat der Verein in­zwischen zu sehr vielen Län­dern auf allen Kon­ti­nenten. Der Schwer­punkt war frü­her das süd­öst­liche Europa, heute hin­gegen stehen der Osten Afrikas, Mittel­amerika und leider konti­nuier­lich auch der Iran im Mittel­punkt.

JHJ ist eine bekannte Größe geworden – und in ein inter­natio­nales Netz­werk ein­ge­bunden. Sie er­halten so mittler­weile sicher viele Hilfe­rufe, denn das Elend und die Be­droh­ungen von Jour­na­listen sind inter­natio­nal ja nicht kleiner ge­worden. Wo­nach ent­scheiden Sie eigent­lich, wem Sie helfen und wem sie es ver­weigern müssen?

Das unspektakulär aber sehr verläss­lich ar­bei­tende Netz­werk "Journalists in distress" ist inzwischen wirk­lich sehr wichtig geworden. Unent­wegt werden da zwischen New York, Toronto, Paris, London, Nairobi, Berlin und München die In­for­mationen über ein­zelne Fälle aus­ge­tauscht, von denen man zu­meist durch Aus­lands­korres­pon­denten er­fahren hat. Wir kennen uns und vertrauen uns da bei unserem In­formations­aus­tausch auch. Es gab schon mal Fälle, die sich dann nach einem ‘Cross-Checking’ als nicht un­be­dingt ver­trauens­würdig er­wiesen haben. Bei länger­fristigen Hilfe­leistungen, z.B. Über­nahme von Mieten über einen längeren Zeit­raum oder bei sehr kost­spieligen Opera­tionen, kann eigent­lich keine der einzel­nen NGO’s feste Hilfs­zu­sagen machen. Das über­steigt einfach die Möglich­keiten von privat or­ga­ni­sierten Hilfs­gruppen. Hier eine Absage zu formulieren, ist manch­mal hart, aber es gibt nun mal materi­elle wie per­sonelle Grenzen.

Sie sind seit der Grün­dung dabei – und führen seit Jahren die Ge­schäfte von JhJ mit viel Mühe und Auf­wand. Was hat Sie eigent­lich dazu ge­bracht, warum tun Sie das – und so aus­dauernd?

Da muss ich ein viel­leicht er­staun­liches Bekenn­tnis machen. Ich ver­füge kaum über jour­na­listische Berufs­er­fahrungen im engen Sinne. Ich war zwar immer als freier Jour­na­list für ver­schie­dene Print- und Funk­medien tä­tig, aber richtig Fuß ge­fasst habe ich nirgend­wo. Anderer­seits habe ich in vielen Hilfs- und Wahl­kam­pagnen auch gelernt, wie man ver­läss­liche Netz­werke knüpft, wie man Gelder für Hilfs­pro­jekte or­ga­ni­siert, wie man Öffent­lich­keit mo­bi­li­siert. Wenn man für einen kon­kreten Fall, etwa einem in Syrien fest­ge­haltenen Photo­graphen ein Hilfs­netz von der ‘New York Times’ bis zur ‘Mittel­bayerischen’ in Regensburg or­ga­ni­sieren kann, finde ich das toll und er­mu­tigend. Das än­dert die Welt nicht, be­endet auch das schreckliche Mas­saker in Syrien nicht aber soll man des­halb zy­nisch und cool auf diese Einzel­hilfe für Kol­leginnen und Kol­legen ver­zichten, die bei ihren pro­fessio­nellen Ar­beiten in dra­ma­tische Not­si­tu­ationen ge­raten sind…?

Was und wo sind die häu­figsten Ge­fähr­dungen von Jour­na­listen, die Ihnen aktuell be­ge­gnen? Armut, Gewalt, politische Ver­folgung ….?

Am Beginn der Hilfs­aktionen von JhJ herrschte noch Krieg in einigen Re­gionen des ehe­maligen Jugos­lawien. Egon Scotland, zu dessen Er­inner­ung JhJ ge­grün­det wurde, hat sein Leben ver­loren als er eine Kollegin aus einem Kriegs­gebiet zwischen ser­bischen und kroa­tischen Truppen be­freien wollte. In­zwischen sind die Hil­fen für Jour­na­listen aus Kriegs­zonen re­lativ zurück­gegangen. Zu­ge­nommen haben aber die Ge­fahren für in­vesti­ga­tive Jour­nalisten, die über Kor­ruptions- und Um­welt­skandale re­cher­chieren. Hier bei uns müssen die in diesem Milieu nach­for­schenden Jour­na­listen viel­leicht mit An­zeigen rech­nen, in Län­dern wie Mexiko, Aser­beidschan und auch immer noch in Russ­land gehen sie dabei je­doch ein un­gleich höheres Lebens­risiko ein. In Italien, um ein wei­teres, uns nahes Land zu nennen, stehen der­zeit gut zehn Jour­na­listen unter Polizei­schutz, die über die Mafia re­cher­chieren!

Wenn man sich die Schicksale der Kollegen und Kolleginnen ansieht, denen JHJ über die Jahre geholfen hat, fällt auf, wie wenig sich über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe in den jeweiligen Heimatländern in den deutschen Medien finden anders als beispielsweise in Le Monde oder in der BBC. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Auslandsberichterstattung in den deutschen Medien?

Erfährt man Tag für Tag über das Netz­werk ‘Journalists in distress’ von Katas­trophen, Skan­dalen, Ver­letzungen von Menschen­rechten in aller Welt, dann wird man natür­lich sen­sibel, viel­leicht auch über­sensibel für die großen Lücken in der inter­na­tionalen Bericht­er­stattung deutscher Medien. Aber ich kann auch ver­stehen, daß die Leser, Zuhörer, Zu­schauer der tra­di­tionellen Medien und die Nutzer von Inter­net-Netzen nicht unent­wegt mit welt­weiten Dramen kon­fron­tiert werden wollen. Aber trotzdem darf diese von vielen immer wieder an­ge­führ­te Über­sättigung mit ‘schlechten Nach­richten’ nicht dazu führen, daß gerade bei der Aus­lands­be­richt­er­stattung be­sonders ge­spart wird. Extreme Krisen­ent­wicklungen in Län­dern ‘am anderen Ende der Welt’ können auch Aus­wir­kungen bis hi­nein in ost­friesische oder sächsische Klein­städte haben. Dieses Wissen um Welt­zu­sammen­hänge ist für die größeren en­glischen und fran­zösischen Medien eine Selbst­ver­ständlich­keit. Deutsche Medien scheinen mir da oft noch nicht ganz auf der Höhe der glo­balen Krise zu sein. Aller­dings gibt es da auch eine ganze Reihe von po­si­tiven neueren Ent­wick­lungen, zu denen etwa das sehr le­bendige und immer in­for­mative ‘Welt­reporter-Netz­werk’ von freien deutsch­sprachigen Korres­pondenten auf allen Kon­ti­nenten gehört.

Was können Kollegen und Kolleginnen tun, um JHJ zu unter­stützen? Wo ist ge­geben­en­falls  über Geld­spenden hinaus Hilfe will­kommen?

Natürlich sind Organisationen und Vereine wie JhJ fun­da­mental auf Geld­spenden an­ge­wiesen. Staatliche Hilfen oder sta­bile Zu­wen­dungen von Privat­firmen gibt es nicht. Sie würden auch die Ziele und den Charakter dieser ‘gemein­nützigen und zivilen’ Hilfs­projekte in­frage stellen. Aber jen­seits von Geld­spenden im Sinne von ‘Jour­na­listen hel­fen Jour­na­listen’ wäre es sehr wichtig, daß junge Jour­na­listinnen und Jour­nalisten in ihrer Aus­bildung immer auch er­fahren, wie wichtig ihr Beruf für ein ziviles Zusammen­leben in unserer Gesell­schaft ist und wie ge­fähr­lich es sein kann, wenn man hart­näckig in den Dunkel­zonen der Macht re­cher­chiert. In seiner nun­mehr zwanzig­jährigen Exis­tenz hat der Verein JhJ sehr viele mutige Jour­na­listen kennen­ge­lernt und bei ihrer Ar­beit unter­stützt. Und es waren und sind oft die be­sonders ver­folgten Jour­nalisten, die ihren Beruf auf keinen Fall auf­geben möchten. Deut­licher und selbst­bewusster als Ana Lilia Perèz, die in ihrer Heimat nur unter Polizei­schutz re­cher­chieren kann, kann man es nicht in Worte fassen: “Ich habe Angst, wieder nach Mexiko zurück­zu­gehen, aber ich will wieder das machen, wofür ich da bin.” JhJ hat ihr dabei ge­holfen, daß sie wenigs­tens für eine be­grenzte Zeit ein­mal in Deutsch­land Dis­tanz zu ihrem gefähr­lichen Leben als in­vesti­ga­tive Jour­na­listin in Mexiko findet.

Interview: Annette Milz