v.l.n.r.: Marcus Bensmann (weltreporter.net), Dzevad Karahasan (Schriftsteller), Christiane Schlötzer (JhJ), Ulrich Wilhelm (Regierungssprecher)

Aus der Schußlinie

"Nur wir Journalisten selbst können etwas ändern. Und dafür müssen wir ehr­lich arbeiten. Wenn nur einer die Wahr­heit schreibt, kann er getötet werden. Wenn aber Tausende das tun, dann nicht. Man kann nicht alle Jour­nalisten ver­nichten."
Jedes Mal wenn wir von dem Verein "Journalisten helfen Journalisten" eine Nach­richt von der Ermordung, der Miß­handlung, der Ver­haftung von Jour­nalisten, von gegen ihnen aus­ge­sprochenen Todes­drohungen, von ihren Gefängnis­auf­ent­halten er­fahren, erinnern wir uns an diese trotzig-ermu­ti­gen­den Sätze der russischen Jour­nalistin Olga Kitowa an­gesichts des Todes ihrer Kollegin und Freun­din Anna Politkowskaja.

 Man kann nicht alle Jour­nalisten ver­nichten" - man kann aber auch nicht allen Jour­nalisten helfen, von deren  oft existenzieller Not man er­fährt. "Mit einem Löffel kann man das Meer nicht aus­schöpfen", schrieb uns einmal der während der Milosevic’-Jahre im Exil lebende ser­bische Schrift­steller und Jour­nalist Dragan Velikic’. "Aber auch das, was man geschöpft hat, ist das Meer. Es wird auf dieser Welt immer Un­gerechtig­keiten und Ver­brechen geben, aber es ist sehr wichtig, dass die Hand, die mit dem Löffel ver­sucht, das Meer aus­zu­schöpfen, nicht aufgibt."

Die Hoffnung von Olga Kitowa und die Auf­forderung von Dragan Velikic’ sind wichtige moralische - und wenn man will, auch berufs­ethische - Orien­tierungen bei einer Arbeit, die im Alltag aber sehr viel nüchterner, prag­matischer, selbst­verständlicher ab­läuft. Man muß Hilfs­gelder sammeln und auf vertrauens­vollen Wegen weiter­leiten, soli­darische Netze knüpfen, die Öffentlich­keit über die Dramatik einzelner Not­fälle in­formieren, wenn man das Menschen­recht auf Presse- und Meinungs­freiheit gegen alle Angriffe und wo auch immer ver­teidigen will.
Seit der Gründung des Vereins "Journalisten helfen Journalisten" im Jahr 1993 war uns der "Bayerische Journalisten­ver­band"  immer ein treuer, vielleicht sogar der treueste Partner. Und wenn es einmal um die Unter­stützung für besonders auf­wendige Hilfs­aktionen ging, gehörte Frauke Ancker immer zu den ersten und wichtigsten Ansprech­partnern. Für diese solidarische Kooperation möchte sich JhJ an diesem Abend auch einmal in aller Öffent­lich­keit be­danken. 
Die von ihr auf­ge­baute und stabi­li­sierte Zu­sammen­arbeit von JhJ und dem BJV wird – leider - auch weiterhin wichtig sein. Ein aktuelles Beispiel soll hier für viele stehen:
In diesen Tagen erhielten wir ein längeres Schreiben, mit dem sich ein mexi­kanischer Kollege bei seinen Freundinnen und Freunden bedankt hat, die ihm geholfen haben, sich durch ein Stipendium in Deutsch­land wenigstens für ein Jahr aus der Schuss­linie bei seiner Arbeit in Mexiko zu ent­fernen. Und das ist hier sogar sehr wörtlich zu verstehen, da Mexiko für Jour­na­listen zu den welt­weit gefährlichsten Ländern gehört.
"Ich kam", heißt es an einer Stelle des Dankes­schreibens, "mit einem zer­brochenen Herzen und einem schmerzenden Körper wegen der Ent­führung, die ich durch­gemacht hatte. Die Wunden werden nie ver­schwinden, aber Ihr seid mir wie ein Balsam gewesen, der die Ver­narbung er­möglicht hat."
Wer hier bei uns den Beruf des Jour­nalisten ausübt, muß – einem funktio­nierenden Rechts­staat sei Dank - nicht unter den dramatischen Um­ständen in anderen Kriegs- und Krisen­regionen ar­beiten, von denen ein Verein wie JhJ fast täglich erfährt. Aber gerade deshalb hätten wir ja auch alle Hände frei, um mit dem Löffel etwas mehr aus dem Meer zu schöpfen, das in anderen Welt­ecken vielen Kolleginnen und Kollegen bis zum Halse steht, und Balsam zu geben, der es vielleicht  ermöglicht, Ver­wundungen nach Ent­führungen und Ver­folgungen lang­sam heilen zu lassen.

"Nur wir Journalisten selbst können etwas ändern."

(Carl Wilhelm Macke, Rede anläßlich der Verabschiedung von Frauke Ancker in den Ruhe­stand, München, 26.7.2010)