Juli 2010:
Ein gefährliches Gefühl

Mai 2010:
Journalismus in der Gefahrenzone

April 2010:
Tödliche Länder für Journalisten

Februar 2010:
Unter Feuer - Journalismus in Somalia

Dezember 2009:
Kein Held und kein Märtyrer

Oktober 2009:
Nach der Trauer die Ermutigung

März 2009:
Gefährlicher Einsatz

Mai 2008:
Mut zur Skepsis

November 2007:
Helft Milan!

Januar 2007:
Radio Eriwan und das Asylrecht

November 2006:
Die große Story

August 2006:
Stimme des "anderen Serbien"

April 2006:
Wo liegt Moldawien?

Februar 2006:
JhJ-Netzwerk - Was ist das?

November 2005:
Endlich Tränen der Freude

September 2005:
Wem es gut geht

Mai 2005:
Haiti cherie

Januar 2005:
Im Schatten vom Tsunami

November 2004:
Help me

September 2004:
Gift der Gewöhnung

Juli 2004:
Ein kubanischer Fall

April 2004:
Laudatio auf Dzevad Karahasan

November 2003:
Vergessen in der Freiheit

Oktober 2003:
Simpson´s World

Juni 2003:
Drei tote Journalisten

März 2003:
Befristetes Exil

November 2002:
Back to my profession

August 2002:
Drei Opfer

Juli 2002:
Ohne Schutz

April 2002:
Tödliche Recherchen

Dezember 2001:
Fern auf dem Balkan

März 2001:
Badache

Februar 2001:
Neuanfang

Gefährliche Recherchen

"Ich fürchte, arbeitslos werden wir nie". So begann Ende Oktober eines der regelmäßig zwischen den Vorstandsmitgliedern von JhJ kursierenden Aufgaben-Bulletins. Und dann folgte eine Information über Anschläge auf Journalisten im Kosovo.
Am 19. Oktober wurde Bekim Kastrati, Mitarbeiter der albanisch­sprachigen Tageszeitung 'Bota Sot' in Srbica (Zentral-Kosovo) von einem Jeep über­holt und mit mehreren Maschinen­gewehr-salven er­mordet. Nur wenige Stunden später wurde Rados Radonjic, Mit­arbeiter des serbischen Fernse­hsenders RTS unweit von Pristina an­ge­schossen, als er Un­bekannte beim Vieh­dieb­stahl beob­achtete. "Ich fürchte, arbeits­los werden wir nie".
Der Krieg in Afghanistan war erst wenige Tage alt als die ersten Journa­listen von Taliban-Milizen ermordet wurden. Pierre Billaud, Mit­arbeiter des französischen Radio­senders RTL, Volker Handloik, freier Journa­list beim STERN und Johanne Sutton, Reporterin bei Radio France Inter­nationale, waren auf einem Schützen­panzer der Nord­allianz zu Gefechts­stellungen der Taliban unter­wegs, als sie in einen Hinter­halt gerieten und kalt­blütig hin­gerichtet wurden. "Ich fürchte, arbeits­los werden wir nie." Mitte November wurden vier weitere Journa­listen während ihrer Recherchen im Um­feld der afghanischen Kriegs­fronten er­schossen: Maria Grazia Cutuli, die als Reporterin für den "Corriere della Sera" arbeitete, Julio Fuentes vom spanischen "El Mundo", Azizullah Haidari und Harry Burton von der Agentur Reuters. Alle vier waren sie in ver­schiedenen Kriegs­regionen er­fahrene Journa­listen und Kamera­leute, die trotz großer Vor­sicht bei einer gemein­samen Recherche­fahrt ver­mutlich von Taliban­kämpfern er­schossen wurden. Eine Woche später dann die nächste Hiobs­botschaft aus Afghanistan: der schwe­dische Journa­list Ulf Ström­berg wurde von nicht genau identi­fizierten Tätern über­fallen, aus­ge­raubt und dann er­schossen. Es ist zu be­fürchten, dass die Zahl der im weiteren Ver­lauf des Krieges gegen die Tali­ban und das Netz­werk rund um Bin Laden weitere Journa­listen zu Opfern von An­schlägen, Ent­führungen oder Raub­morden werden. Auch bei größter Vor­sicht in der Durch­führung von Recherchen im Hinter­land oder an der Front der mili­tärischen Auseinander­setzungen sind gewalt­tätige An­griffe aus dem Hinter­halt nur schwer aus­zu­schließen. "Jour­nalisten helfen Journa­listen" hat bis­lang noch keine direkte Hilfe für die An­gehörigen der er­mordeten Kolleginnen und Kollegen oder für verwundete Journa­listen ge­leistet. Sobald jedoch ent­sprechende An­fragen an den Verein heran­getragen werden, wird man auch die passive Chronisten­rolle auf­geben. In einer in der SZ veröffent­lichten An­zeige wurde der getöteten Journa­listen gedacht. An die Redaktion des Mailänder 'Corriere della Sera' wurde ein Tele­gramm ver­schickt, in dem sich der Verein soli­darisch mit dem trauernden Redaktions­kollegium der Zeitung er­klärte. Nicht ohne Bewegung und großem Respekt wurde auch die Art des Umganges der italienischen Öffentlich­keit mit der er­mordeten Jour­na­list Maria Grazia Cutuli zur Kenntnis genommen. Der Sarg mit der ermordeten Kollegin wurde mit einer extra zur Ver­fügung gestellten Militär­maschine nach Italien überführt. Empfangen wurde die Chef­redaktion des 'Corriere', die die Über­führung per­sönlich begleitet hat, mit allen, in Italien stets sehr barock aus­fallenden staatlichen Ehren. Der Auf­sichts­rats­vor­sitzende der 'Corriere'-Gruppe, Cesare Romiti, brach seinen Auf­ent­halt in China ab, um per­sönlich an dem Requiem in Catania, dem Heimat­ort von Maria Grazia Cutuli, teil­zunehmen. Der Journa­listin und auch den gefähr­lichen Arbeits­be­dingungen von Reportern in Kriegs­gebieten wurden in den Tagen nach Bekannt­werden der Er­mordung außergewöhnlich viele Extra­seiten gewidmet. In der angesehenen täglichen Wirtschafts­zeitung "Il sole/ 24ore" las man auf der Titel­seite in der Erinnerung an die getötete Re­porterin: "Maria Grazia Cutuli hat den Jour­na­lismus repräsen­tiert, den wir uns wünschen". Aber dieser Journa­lismus kann auch für die­jenigen, die sich ihm ver­pflichtet fühlen, lebens­gefährlich werden. Man erlebt es jetzt wieder, im Kosovo, in Afghanistan, in vielen anderen Krisen­regionen der Welt. "Ich fürchte, arbeits­los werden wir nie."

Carl Wilhelm Macke