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Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2004 Laudatio
auf Devad Karahasan Bosnien: Experimentum Crucis Ihr naht Euch wieder, schwankende Tote ohne Begräbnis. Von manchen sind die Namen nicht bekannt, manche haben noch Kleidungsreste um die nackten Knochen, manche auch wieder eine Medaille oder einen Ausweis. Dürftige Knochen aus den bosnischen Massengräbern, mit Munitionssplittern in den Eingeweiden und dem Verwesungsgeruch in den Grabstätten. Wenn man auf dieser Welt mit Ermordeten zu tun hat, kann uns das überfallen, wie Devad Karahasan und seiner Frau: Durch Zufall kann man einer Granate ausweichen, die dann gleich danach die Bücher der Bibliothek zerhackt. Man kann noch einmal davongekommen sein. Immer wieder geht es mir durch Mark und Bein, wenn ich von Zvornik kommend die Straße an dem Kaff, dem Kuhkaff Nova Kasaba, vorbeifahre, und noch mehr erschüttert es mich, wenn auf dem wieder zugeschütteten Massengrab Fußball gespielt wird. Dieser Platz, auf dem jetzt wieder gekickt wird, war einmal im UN-Weltsicherheitsrat von Madeleine Albright in einer Satellitenaufnahme gezeigt worden. Man kannte mit bloßen Augen die verscharrten Leichen erkennen, die nicht so schnell von dort hatten weggeschafft werden konnten. Genau an diesem Fußballplatz. Ich rede von einem Land, das im Deutschen Bundestag und in der deutschen Bundesregierung kaum noch jemand buchstabieren kann; das weder Maybritt Christiansen noch Sabine Illner auf ihren Liste haben werden; ein Land, das sogar der Erwei-terungskommissar der EU, Günter Verheugen, kaum kennt. Auch Javier Solana und Christopher Patten vermeiden lieber es noch zu kennen. Der Papst vielleicht und der Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, kennen es. Aber sonst? Wir kennen die Türkei als Aufnahmeland, und in dem größenwahnsinnigen Bestreben, den Europa-Bereich weiter auszudehnen, werden wir eher auf die Ukraine, Georgien und Weißrußland stoßen - denn auf dieses wunderbare Land Bosnien und Herzegowina. Ihr naht Euch heute in Leipzig wieder, schwankende Balkan-Gestalten. In einer Zeit, in der im fröhlichen Aktualitätsterror niemand mehr mit dem Balkan etwas am Hut haben will. Wie,
da war doch was? Devad Karahasan hat es uns damals - als wir noch
gar nicht ahnten, daß es Krieg war - mit seinem ersten großen,
zum Zerbersten eindringlichen Text nahe gebracht. Dem "Tagebuch
der Aussiedlung". Sie, Devad, haben die ersten Tage und Wochen beschrieben, in denen es nicht mehr aufhörte, in dieser großen Stadt Europas, in der sich noch kurz zuvor die Jugend der Welt zu den allerfriedlichsten olympischen Winterspielen getroffen hatte, von den Bergen hineingedonnert und geschossen wurde, daß es nur so krachte. Das Ende aller Sicherheit war angesagt. Sie, Devad, hatten an diesem Morgen wie ein Thomas Mann mit eiserner Arbeitsdisziplin an Ihrem neuen Roman "Schahrijars Ring" geschrieben. Sie wollten Ihre Dragana um 17 Uhr abholen, um mit ihr etwas in Ihrem Marindvorer Haus zu essen. Sie fragten sie, ob sie sofort zum Essen in das Haus gehen sollten oder ob Sie ihr noch mal vorlesen sollten? Eine Frage auf Leben und Tod, eindeutig. Sie entschieden sich - geleitet von einem Schutzengel - für das Vorlesen. Währenddessen krachte ein Granatsplitter durch den Holzrahmen des Fensters, zerschlug das Glas im Bücherschrank und exekutierte regelrecht einige der in der Reihe dort aufgestellten Bücher. Faulkners Erzählungen wurden halbiert. Eine wunderschöne alte Ausgabe des "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller wurde zerhackt. Eine herzliche Gratulation Ihnen beiden, daß Sie das Essen im Marindvorer Haus hintangestellt und sich erst etwas vorgelesen haben. Das gibt uns die Gunst und Chance, Sie heute hier zu haben. Herzlich willkommen im Leipziger Buchmesse-Theater. Das Haus war damit zerstört, teilweise. Es gingen zehntausende von Häusern zu Bruch. Ganze Dörfer und Dorflandschaften gingen zugrunde, krachten in ihren Eingeweiden unter der Lust der Soldateska und eines verblödenden nationalistischen Militärbefehls. Mit Ihrer Erlaubnis, Devad: Ich muß es beklagen, daß Militärregime ohne Strafe ganze Kulturlandschaften ermorden dürfen, ohne daß das beim Internationalen Tribunal in Den Haag und in Arusha ein gesonderter Anklagepunkt ist. Zu zerstören, was Menschen über Jahre und Jahrzehnte oder gar ihr ganzes Leben lang mit der Hilfe von Freunden und Nachbarn erbaut haben - ist eine besondere Form von Grausamkeit und beinhaltet eine Botschaft: "Wir löschen deine Spuren in diesem Land aus. Komm nicht zurück, denn du hast nicht mehr genug Lebenszeit, um noch einmal von vorn anzufangen." Deshalb nenne ich das mutwillige Zerhacken und Zerstören ganzer Dörfer - auch einen Mord, den Mord an Lebenshäusern, in denen Generationen übergreifender Familienbiografien zerstört wurden. Bosnien ist das Land Europas, nein der ganzen Welt, in dem das Experimentum Crucis gelehrt und gelernt werden kann: Die leidenschaftliche Auseinandersetzung zwischen europäischen Muslimen, wie Devad Karahasan einer ist und den bosnischen Franziskanern, wie Fra Mile Babic, Fra Petar Andelovic und Fra Mirko welche sind. Das ist der Lehr- und Lernboden für den Wettkampf und friedlichen Austausch der Religionen. Fra Petar Andelovic konnte nie begreifen, daß man die Hilfe nur den eigenen Gläubigen und Hilfsbedürftigen geben sollte, nicht den anderen. Unvergeßlich die Gottesdienste in Dobrinja, dem Olympiadorf für die Sportler der Welt, während des Kriegs in der kleinen Untergrundkirche in Frontnähe, wo wir eine Etage tiefer eine Suppenküche gebaut hatten. Tagsüber wehten die grollenden Granateneinschläge und der dumpfe Kanonendonner von den Igman Bergen zu uns hinüber. Dort erlebten wir zu Weihnachten, während der Mitternachtsmesse, wie Fra Mirko, der Cowboy Franziskaner, in die Gitarre griff und die alten Sevdalinkas sang mit einer Inbrunst, daß wir alle Rotz und Tränen heulen mußten, so gerührt waren wir. Wo es auch die Muslime in dieses Gotteshaus trieb. Sind sie doch sowieso eins, wenn es einen Gott gibt, dann ist er ein und derselbe - Allah wie Gott. Hier in Sarajevo müßte das neue Bündnis zwischen dem heiligen Franziskus und dem Sultan geschmiedet werden, damit der Islam anerkannt ist und die Christen mit ihren Gebeten und geistlichen Bedürfnissen neben der Moschee ihre Kirche bekommen. Und wo dann auch der Islam seine Kraft zu einer inneren Reform an Haupt und Gliedern bekommen kann. Bosnien und Devad Karahasan haben wir Europäer noch nicht ausgenutzt: Beide sind viel zwischen den Religionen gewandert. Man kann aber zwischen und mit Religionen nur versöhnen, wenn man einer angehört. Eine, wie Sie, Devad, so schön gesagt haben: der Philosophie zugeneigte Scheherazade hätte wahrscheinlich über die Phänomenologie des Heiligen gesprochen, hätte Mawalana Rumi und Rudolf Otto zitiert, über die Seinsformen in der materiellen Welt gesprochen. Der Kopftuchstreit, ja, lieber Devad, dazu könnte uns die bosnische multireligiöse Welt mehr sagen, als wir fragen können. Nur: Wir fragen sie nicht! Wir fragen nicht Fra Petar Andelovic, wir fragen nicht Reiz ul Ulema, wir fragen auch nicht Devad Karahasan. Wir, die wir so viele Schwierigkeiten haben, überhaupt noch Religion zu begreifen, wo wir nach Goethe ja doch schon Wissenschaft und Kunst haben. "Religion is mainly bunk" könnte man mit Henry Ford abgewandelt unseren Zeitgeist zusammenfassen. Religion, das ist hauptsächlich HUMBUG. Wir nehmen die Erfahrungen der Muslime vom Schlage des Devad kaum zur Kenntnis. In den Gärten und den Parks von Sarajevo sind diese religiösen Arkangüter noch gespeichert. Wunderbar haben Sie diese Begegnung beschrieben, die jeder Besucher in diesem Sarajevo erleben kann: im Park und im Garten. Auf dem kleinen Raum eines Parks - in dem ich mit dem querschnittsgelähmten Journalisten Haso Tajic spazieren fuhr, dem ich für die Lebenszeit, die er dem immer schon drohenden Tod abschindet, Dank sagen möchte, auf diesem kleinen Raum sind die typischen Bilder zweier Kulturen vereint. Sie lassen die in den "Bildern von Wüste und Garten implizierten Bedeutungen und Funktionen in Islam und Christentum verbinden". Die Stadt Sarajevo wollte, "daß sich die Bilder des Gartens und der Wüste in den beiden großen Kulturen in ihrem Park begegnen und berühren". Wer das "Tagebuch der Austreibung" liest, weiß, daß erst einmal alles getan wurde, um dieses Experiment eines friedlichen Nebeneinanders zugrunde zu richten und zu zerstören. Wer "Sara und Serafina" liest, wird von dem unüberbietbaren süßen Charme dieser Stadt und all der tragischen Geschichte, der zeitgemäßen und unzeitgemäßen, nicht wegkommen. Wissen Sie, was ein "dundjer" ist? Ein dundjer "ist ein Mann, der kein bestimmtes Handwerk gelernt hat, aber mit allen irgendwie zurecht kommt, weil seine Hände und sein Verstand nach Meisterart denken können". So
lese ich das, und dann, meine Damen und Herren, kommt Der dundjer hat keine offizielle Werkstatt, aber einen meist riesigen Raum voll gelegentlich erworbener Werkzeuge aller Art... "Einen dundjer rufen wir, wenn unsere Waschmaschine oder die Herdklappe defekt, wenn eine Wand feucht oder etwas vom Schrank abgebrochen ist, wenn Sie die Südwand Ihres Hauses mit Blech abdichten oder sich wegen der Heizung, eines schadhaften Daches oder des Garagenanbaus an der Westwand des Hauses beraten wollen. Hingegen (Hingegen!) rufen Sie ihn niemals, wenn etwas neu gemacht werden muß, für solche Arbeiten engagiert man Handwerker, die einseitig und oberflächlich genug sind, um es zu wagen, die Schöpfung ex nihilo nachzuahmen." So langsam nähert sich der Schriftsteller seiner Stadt, es ist wie mein Günter Grass, der sich von dem Zentrum Danzigs kommend, die lange Allee bis nach Langfuhr durchkämpft. Es geht ja um die subversive Memoria. So erfahren wir bei Schriftstellern, nicht bei uns Journalisten, wir sind dem Aktualitätsterror verhaftet und in ihm verstrickt. Bei Schriftstellern geht es um die Memoria, um die Erinnerung. Und dieser dundjer läßt ihn, Devad Karahasan, an die Monate des beginnenden furchtbaren Krieges denken, aber auch an die große Zeit, wo Menschen wie Dervo einfach bereit waren, für die BIH Armee zu kämpfen. Mitte Januar 1993 wird er in das Treskavica Gebirge abkommandiert. Dervo erzählt von den Kriegsereignissen. Und: "Es gibt kein Vergessen. Man kann noch so viel Mühe und Geld investieren, man kann aus der ganzen Kultur eine Industrie des Vergessens machen, wie es heute geschieht, man kann versuchen, die Erinnerung gering zu schätzen oder zu löschen - ein Vergessen gibt es nicht." Alle mal herhören, Journalisten und Mundwerksburschen und -mädels des öffentlich-rechtlichen und des privaten Fernsehens: "Alles, was einmal war, bleibt in Erinnerung. Ich weiß nicht wie und wo, aber irgendwo bleibt es." Und der bosnisch-islamische Mystiker Karahasan erinnert sich: "Ich bin sicher, daß ein Apfelbaum sein vorjähriges Laub erinnert, jedes Blatt an jedem Zweig. Alle diese Blätter existieren weiter, und sei es als Mineralien oder als Feuchtigkeit, als Baumaterial für die diesjährigen Blätter oder als Früchte an einem anderen Baum... ich weiß es nicht, denn ich bin nur ein Mensch, aber ich weiß mit Sicherheit, daß sie existieren, denn ein Aufhören der Existenz ist logisch nicht möglich." Das geht dann unzeitgemäß bis zu dem Tunnel, und nachfolgende Generationen werden uns fragen: Tunnel in Sarajevo? Ist das ein Märchenbuch? In dieser Zeit baut man Metros, U-Bahnen, aber doch nicht Tunnel, durch die man gebückt gehen muß. "Der Tunnel war als einzige Verbindung zur Welt eröffnet worden. Ivo Komsic kam durch den Tunnel, gebückt, dreckig geworden, Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, er kam an bei der Frankfurter Buchmesse 1994. Nur zu dieser Tageszeit und nur diesen Menschen, die einen Monat lang halb verhungert und frierend in der Schneewüste gekämpft hatten, die jetzt bis an den Rand des Erträglichen übermüdet waren, nur ihnen konnte möglich erscheinen, was sie sahen, als sie den Tunnelausgang erreichten. Sie sahen die Arche Noah, nicht Touristenklasse, oder den Limbus, jenen Ort, an dem sich die irdischen Geschöpfe versammeln werden, um auf das Jüngste Gericht zu warten. Oder sie sahen ein Filmstudio, in dem das Ende der Welt aufgenommen wurde, das heißt eine postmoderne Version der Genesis oder so ähnlich. Jedenfalls sahen sie eine Szene, die nicht von dieser Welt war." Die Knochen der Ermordeten schreien uns aus den Massengräbern an. Doch wir haben längst vergessen wollen, daß es diese Massengräber gibt. Die Angst kroch hoch in uns allen, die wir uns damals in dieser großartigen und so furchtbar behandelten Metropole der Bosnier aufhielten. Wir saßen am Abend in der kleinen Wohnung im ersten Stock in der Nähe des Kosovo-Krankenhauses, der Granatenbeschuß nahm ein Getöse an, daß uns auf dem Platz, auf dem wir saßen oder dem Bett, auf dem wir lagen, Angst und Bange wurde. Niemand hat diese Angst und die Demütigung so voller existentiell-literarischer Inbrunst beschrieben wie unser Sarajlijer Devad Karahasan. Er hat die Angst und alle tiefinneren Herzens- und Seelen-Bewegungen beschrieben, die in uns Menschen ablaufen, wenn uns plötzlich wie aus heiterem Himmel Unrecht geschieht. Die Literatur, die uns Devad Karahasan geschenkt hat, haben wir bitter nötig. So nötig, wie die Religion und das Gebet. Nötiger jedenfalls, als die Mundwerksburschen und -mädels des Völkerrechts und der UNO das je begreifen werden. Plötzlich, nach den ersten Anschlägen auf das Haus, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Und ich zitiere Devad Karahasan aus seinem unvergeßlichen "Tagebuch": Er bemerkt zum ersten Mal, "wie schön mein Marindvorer Wohnhaus ist, das Bewußtsein durchdrang mich und buchstäblich schmerzte es mich". Weshalb, oder deshalb ist es so subversiv und riskant, Devad Karahasan heute auszuzeichnen unter Europas Schriftstellern. Riskant und mit keiner Risikoprämie zuzuschütten ist es, daß es ganz unzeitgemäß ist. Von Bosnien kräht in der deutschen Politik kein Hahn und keine Zeitung. Kein Hans Koschnick und kein Paddy Ashdown. Selbst Friedhelm Brebeck hat man in die Wüste seines Vorruhe- oder Ruhestandes geschickt. Der Bayerische Rundfunk nutzte die gefährliche Tarifordnungs-Waffe der Pensionierung, um ihn, den unbequemen Merker von Bosnien, wegzubringen. Peter
Handke - ja der Name dieses Schriftstellers muß auch erwähnt
werden - schrieb leichtfertig die Apologie des Slobodan Milosevic und
aller Verbrechen in seinem und Serbiens Namen. Gegen die einschlägigen Dolchstoßlegenden ist es auch heute nützlich zu zitieren, was Sie, Devad Karahasan, damals geschrieben haben: "Die Unabhängigkeit der Republik Bosnien und Herzegowina ist nach einem Referendum ausgerufen worden, bei dem Bürger dieses Landes ihre Stimme abgaben. Am 28. Februar und am 1. März 1992. Diese Abstimmung war in großen Teilen der Republik unmöglich, in denen die Macht bei der Jugo-Armee und der noch immer illegalen Polizei der von Belgrad gelenkten Serbischen Demokratischen Partei lag." 65 Prozent der Bürger haben sich für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Er
sei immer ein Bosniak gewesen, der Devad Karahasan. Jeder Punkt dieser großen Stadt an der Miljacka war von der Geschützen der Armee des Ratko Mladic und des Radovan Karadzic zu erreichen, und es wurde verdammt scharf geschossen. "Pazi Snaiperi!" Diese Panzer und Geschütze der Armee des Generals Ratko Mladic, des Schlächters von Srebrenica, wurden übrigens von dem Diesel und dem Benzin in Bewegung gehalten, das die UNO mit unserem Geld in riesigen Konvois nach Sarajevo schickte. Die UNO verhandelte mit den Mördern, um ihnen freiwillig erst 25 Prozent, dann sogar 40 Prozent, dann 45 Prozent abzugeben. Aus einer verblödenden Feigheit heraus sagten sie den Eingeschlossenen von Sarajevo (und schämten sich immer noch nicht): Die Angreifer sind so wichtig und gleich geartet wie die Angegriffenen. Nicht die Mör-der sind schuldig am Tod der Ermordeten. Die Mörder und die Ermordeten sind uns gleich wichtig. Handke suggerierte in dem Text, dessen Aftermethaphysik auf Gerechtigkeit ging: Die Muselmanen seien kein Volk. Auch Devad weiß nicht, ob Muselmanen ein Volk sind. Devad - Sie sagten damals den zukunftsträchtigen Satz, der eine Frage ist? "Die Muselmanen sind kein Volk. Aber soll man sie wirklich deshalb ausrotten? Ich kenne einige Leute, die darin ein moralisches Problem sehen würden." Ich muß an dieser Stelle bekennen, daß mir eine Frage noch im Geschütz- und Raketendonner einer Nacht in Sarajevo im Hals und im Herzen steckengeblieben ist, sie quält mich immer wieder, ich kann diese Frage nie vergessen, zumal ich keine Antwort wusste: Die Frau von Semezdin Mehmidenovic nahm mich beiseite, wir waren in einen Hauseingang gerannt, die Granaten schlugen ein. Warum sind wir so, daß man uns vernichten und verfolgen muß? Was ist an uns, daß man uns verjagen will? Riechen wir schlecht? Atmen wir nicht wie Menschen? Sind wir anders, so daß man uns nicht leiden kann? Ich meine, daß von der Antwort auf diese Frage in der Zukunft von Bosnien und Herzegowina, von Europa, an deutschen Schulen, in Ländern Afrikas, in Afghanistan, in Basra und in Bagdad vieles abhängt. Soll man die Muselmanen wirklich deshalb ausrotten? |
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