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Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2004

Laudatio auf Dževad Karahasan
Von Dr. Rupert Neudeck

Bosnien: Experimentum Crucis

Ihr naht Euch wieder, schwankende Tote ohne Begräbnis. Von manchen sind die Namen nicht bekannt, manche haben noch Kleidungsreste um die nackten Knochen, manche auch wieder eine Medaille oder einen Ausweis. Dürftige Knochen aus den bosnischen Massengräbern, mit Munitionssplittern in den Eingeweiden und dem Verwesungsgeruch in den Grabstätten.

Wenn man auf dieser Welt mit Ermordeten zu tun hat, kann uns das überfallen, wie Dževad Karahasan und seiner Frau: Durch Zufall kann man einer Granate ausweichen, die dann gleich danach die Bücher der Bibliothek zerhackt. Man kann noch einmal davongekommen sein.

Immer wieder geht es mir durch Mark und Bein, wenn ich von Zvornik kommend die Straße an dem Kaff, dem Kuhkaff Nova Kasaba, vorbei­fahre, und noch mehr erschüttert es mich, wenn auf dem wieder zu­ge­schütteten Massengrab Fußball gespielt wird. Dieser Platz, auf dem jetzt wieder gekickt wird, war einmal im UN-Weltsicherheitsrat von Madeleine Albright in einer Satellitenaufnahme gezeigt worden. Man kannte mit bloßen Augen die verscharrten Leichen erkennen, die nicht so schnell von dort hatten weggeschafft werden konnten. Genau an diesem Fußballplatz.

Ich rede von einem Land, das im Deutschen Bundestag und in der deutschen Bundesregierung kaum noch jemand buchstabieren kann; das weder Maybritt Christiansen noch Sabine Illner auf ihren Liste haben werden; ein Land, das sogar der Erwei-terungskommissar der EU, Günter Verheugen, kaum kennt. Auch Javier Solana und Christopher Patten vermeiden lieber es noch zu kennen. Der Papst vielleicht und der Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, kennen es. Aber sonst? Wir kennen die Türkei als Aufnahmeland, und in dem größenwahnsinnigen Bestreben, den Europa-Bereich weiter auszudehnen, werden wir eher auf die Ukraine, Georgien und Weißrußland stoßen - denn auf dieses wunderbare Land Bosnien und Herzegowina.

Ihr naht Euch heute in Leipzig wieder, schwankende Balkan-Gestalten. In einer Zeit, in der im fröhlichen Aktualitätsterror niemand mehr mit dem Balkan etwas am Hut haben will.

Wie, da war doch was? Dževad Karahasan hat es uns damals - als wir noch gar nicht ahnten, daß es Krieg war - mit seinem ersten großen, zum Zerbersten eindringlichen Text nahe gebracht. Dem "Tagebuch der Aussiedlung".

Wir in Europa wollten es 1991ff. immer noch nicht wahrhaben. Auf Brioni traf sich die Garde der Politiker aus Europas erster Reihe und dachte: Das regeln wir! Aber sie regelte nichts. Europa versagte.

Sie, Dževad, haben die ersten Tage und Wochen beschrieben, in denen es nicht mehr aufhörte, in dieser großen Stadt Europas, in der sich noch kurz zuvor die Jugend der Welt zu den allerfriedlichsten olym­pischen Winter­spielen getroffen hatte, von den Bergen hinein­gedonnert und geschossen wurde, daß es nur so krachte. Das Ende aller Sicherheit war an­gesagt.

Sie, Dževad, hatten an diesem Morgen wie ein Thomas Mann mit eiserner Arbeitsdisziplin an Ihrem neuen Roman "Schahrijars Ring" geschrieben. Sie wollten Ihre Dragana um 17 Uhr abholen, um mit ihr etwas in Ihrem Marind­vorer Haus zu essen. Sie fragten sie, ob sie sofort zum Essen in das Haus gehen sollten oder ob Sie ihr noch mal vor­lesen sollten?

Eine Frage auf Leben und Tod, ein­deutig. Sie ent­schieden sich - geleitet von einem Schutz­engel - für das Vorlesen. Während­dessen krachte ein Granat­splitter durch den Holz­rahmen des Fensters, zerschlug das Glas im Bücher­schrank und exekutierte regel­recht einige der in der Reihe dort aufgestellten Bücher. Faulkners Erzählungen wurden halbiert. Eine wunder­schöne alte Ausgabe des "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller wurde zerhackt. Eine herzliche Gratula­tion Ihnen beiden, daß Sie das Essen im Marindvorer Haus hint­ange­stellt und sich erst etwas vor­gelesen haben. Das gibt uns die Gunst und Chance, Sie heute hier zu haben. Herzlich will­kommen im Leipziger Buch­messe-Theater.

Das Haus war damit zerstört, teilweise. Es gingen zehn­tausende von Häusern zu Bruch. Ganze Dörfer und Dorf­land­schaften gingen zugrunde, krachten in ihren Ein­ge­weiden unter der Lust der Soldateska und eines verblödenden natio­nalis­tischen Militär­befehls.

Mit Ihrer Erlaubnis, Dževad: Ich muß es beklagen, daß Militärregime ohne Strafe ganze Kultur­land­schaften er­morden dürfen, ohne daß das beim Inter­natio­nalen Tri­bunal in Den Haag und in Arusha ein gesonderter Anklage­punkt ist. Zu zerstören, was Menschen über Jahre und Jahr­zehnte oder gar ihr ganzes Leben lang mit der Hilfe von Freunden und Nach­barn erbaut haben - ist eine besondere Form von Grau­sam­keit und beinhaltet eine Bot­schaft: "Wir löschen deine Spuren in diesem Land aus. Komm nicht zurück, denn du hast nicht mehr genug Lebens­zeit, um noch einmal von vorn anzu­fangen." Deshalb nenne ich das mut­willige Zer­hacken und Zerstören ganzer Dörfer - auch einen Mord, den Mord an Lebens­häusern, in denen Generationen über­greifender Familien­biografien zerstört wurden.

Bosnien ist das Land Europas, nein der ganzen Welt, in dem das Experimentum Crucis gelehrt und gelernt werden kann: Die leiden­schaftliche Aus­einander­setzung zwischen europäischen Muslimen, wie Dževad Karahasan einer ist und den bosnischen Franziskanern, wie Fra Mile Babic, Fra Petar Andelovic und Fra Mirko welche sind. Das ist der Lehr- und Lernboden für den Wett­kampf und friedlichen Aus­tausch der Religionen.

Fra Petar Andelovic konnte nie begreifen, daß man die Hilfe nur den eigenen Gläubigen und Hilfs­bedürftigen geben sollte, nicht den anderen. Unvergeßlich die Gottes­dienste in Dobrinja, dem Olympia­dorf für die Sportler der Welt, während des Kriegs in der kleinen Unter­grund­kirche in Frontnähe, wo wir eine Etage tiefer eine Suppen­küche gebaut hatten. Tagsüber wehten die grollenden Granat­eneinschläge und der dumpfe Kanonen­donner von den Igman Bergen zu uns hinüber. Dort erlebten wir zu Weih­nachten, während der Mitter­nachts­messe, wie Fra Mirko, der Cowboy Franziskaner, in die Gitarre griff und die alten Sevdalinkas sang mit einer Inbrunst, daß wir alle Rotz und Tränen heulen mußten, so gerührt waren wir. Wo es auch die Muslime in dieses Gotteshaus trieb. Sind sie doch sowieso eins, wenn es einen Gott gibt, dann ist er ein und derselbe - Allah wie Gott.

Hier in Sarajevo müßte das neue Bündnis zwischen dem heiligen Franziskus und dem Sultan geschmiedet werden, damit der Islam anerkannt ist und die Christen mit ihren Gebeten und geistlichen Bedürfnissen neben der Moschee ihre Kirche bekommen. Und wo dann auch der Islam seine Kraft zu einer inneren Reform an Haupt und Gliedern bekommen kann.

Bosnien und Dževad Karahasan haben wir Europäer noch nicht aus­genutzt: Beide sind viel zwischen den Reli­gionen gewandert. Man kann aber zwischen und mit Reli­gionen nur versöhnen, wenn man einer angehört. Eine, wie Sie, Dževad, so schön gesagt haben: der Philo­sophie zugeneigte Scheherazade hätte wahr­scheinlich über die Phäno­menologie des Heiligen gesprochen, hätte Mawalana Rumi und Rudolf Otto zitiert, über die Seins­formen in der materiellen Welt gesprochen.

Der Kopftuchstreit, ja, lieber Dževad, dazu könnte uns die bosnische multireligiöse Welt mehr sagen, als wir fragen können. Nur: Wir fragen sie nicht! Wir fragen nicht Fra Petar Andelovic, wir fragen nicht Reiz ul Ulema, wir fragen auch nicht Dževad Karahasan.

Wir, die wir so viele Schwierig­keiten haben, überhaupt noch Religion zu begreifen, wo wir nach Goethe ja doch schon Wissen­schaft und Kunst haben. "Religion is mainly bunk" könnte man mit Henry Ford ab­gewandelt unseren Zeit­geist zusammen­fassen. Religion, das ist haupt­sächlich HUMBUG. Wir nehmen die Er­fahrungen der Muslime vom Schlage des Dževad kaum zur Kenntnis. In den Gärten und den Parks von Sarajevo sind diese religiösen Arkangüter noch gespeichert.

Wunderbar haben Sie diese Begegnung beschrieben, die jeder Besucher in diesem Sarajevo erleben kann: im Park und im Garten. Auf dem kleinen Raum eines Parks - in dem ich mit dem quer­schnitts­gelähmten Journa­listen Haso Tajic spazieren fuhr, dem ich für die Lebens­zeit, die er dem immer schon drohenden Tod ab­schindet, Dank sagen möchte, auf diesem kleinen Raum sind die typischen Bilder zweier Kulturen ver­eint. Sie lassen die in den "Bildern von Wüste und Garten impli­zierten Bedeutungen und Funktionen in Islam und Christen­tum verbinden". Die Stadt Sarajevo wollte, "daß sich die Bilder des Gartens und der Wüste in den beiden großen Kulturen in ihrem Park begegnen und berühren".

Wer das "Tagebuch der Austreibung" liest, weiß, daß erst einmal alles getan wurde, um dieses Experiment eines friedlichen Neben­einanders zugrunde zu richten und zu zerstören.

Wer "Sara und Serafina" liest, wird von dem unüberbietbaren süßen Charme dieser Stadt und all der tragischen Geschichte, der zeitgemäßen und unzeitgemäßen, nicht wegkommen. Wissen Sie, was ein "dundjer" ist? Ein dundjer "ist ein Mann, der kein bestimmtes Hand­werk gelernt hat, aber mit allen irgendwie zurecht kommt, weil seine Hände und sein Ver­stand nach Meister­art denken können".

So lese ich das, und dann, meine Damen und Herren, kommt
eine Klammer. Und bei einem Meister­schrift­steller sind natürlich Klammer­bemerkungen ganz besondere Kabinettstücke seiner Kunst. "(wenn Sie, Sie! Etwas von Platon, von Platon! Oder auch Witt­gensteins ‚Tractatus logico philosophicus' gelesen haben, wissen Sie, Sie!, was ich meine)"

Der dundjer hat keine offizielle Werk­statt, aber einen meist riesigen Raum voll gelegent­lich erworbener Werk­zeuge aller Art... "Einen dundjer rufen wir, wenn unsere Wasch­maschine oder die Herdklappe defekt, wenn eine Wand feucht oder etwas vom Schrank abgebrochen ist, wenn Sie die Südwand Ihres Hauses mit Blech abdichten oder sich wegen der Heizung, eines schad­haften Daches oder des Garagen­anbaus an der Westwand des Hauses beraten wollen. Hingegen (Hingegen!) rufen Sie ihn niemals, wenn etwas neu gemacht werden muß, für solche Arbeiten engagiert man Hand­werker, die einseitig und oberflächlich genug sind, um es zu wagen, die Schöpfung ex nihilo nachzuahmen."

So langsam nähert sich der Schrift­steller seiner Stadt, es ist wie mein Günter Grass, der sich von dem Zentrum Danzigs kommend, die lange Allee bis nach Lang­fuhr durchkämpft.

Es geht ja um die subversive Memoria. So erfahren wir bei Schrift­stellern, nicht bei uns Journa­listen, wir sind dem Aktualitäts­terror verhaftet und in ihm verstrickt. Bei Schrift­stellern geht es um die Memoria, um die Erinnerung. Und dieser dundjer läßt ihn, Dževad Karahasan, an die Monate des beginnenden furcht­baren Krieges denken, aber auch an die große Zeit, wo Menschen wie Dervo einfach bereit waren, für die BIH Armee zu kämpfen. Mitte Januar 1993 wird er in das Treskavica Gebirge abkommandiert.

Dervo erzählt von den Kriegs­ereignissen. Und: "Es gibt kein Vergessen. Man kann noch so viel Mühe und Geld investieren, man kann aus der ganzen Kultur eine Industrie des Vergessens machen, wie es heute geschieht, man kann versuchen, die Erinnerung gering zu schätzen oder zu löschen - ein Vergessen gibt es nicht."

Alle mal herhören, Journalisten und Mund­werks­burschen und -mädels des öffentlich-rechtlichen und des privaten Fern­sehens: "Alles, was einmal war, bleibt in Erinnerung. Ich weiß nicht wie und wo, aber irgendwo bleibt es." Und der bosnisch-islamische Mystiker Karahasan erinnert sich: "Ich bin sicher, daß ein Apfelbaum sein vorjähriges Laub erinnert, jedes Blatt an jedem Zweig. Alle diese Blätter existieren weiter, und sei es als Mineralien oder als Feuchtig­keit, als Bau­material für die diesjährigen Blätter oder als Früchte an einem anderen Baum... ich weiß es nicht, denn ich bin nur ein Mensch, aber ich weiß mit Sicher­heit, daß sie existieren, denn ein Aufhören der Existenz ist logisch nicht möglich."

Das geht dann unzeitgemäß bis zu dem Tunnel, und nachfolgende Genera­tionen werden uns fragen: Tunnel in Sarajevo? Ist das ein Märchenbuch? In dieser Zeit baut man Metros, U-Bahnen, aber doch nicht Tunnel, durch die man gebückt gehen muß. "Der Tunnel war als einzige Verbindung zur Welt eröffnet worden. Ivo Komsic kam durch den Tunnel, gebückt, dreckig geworden, Mit­glied des bosnischen Staats­präsidiums, er kam an bei der Frank­furter Buch­messe 1994. Nur zu dieser Tages­zeit und nur diesen Menschen, die einen Monat lang halb verhungert und frierend in der Schnee­wüste gekämpft hatten, die jetzt bis an den Rand des Erträglichen übermüdet waren, nur ihnen konnte möglich erscheinen, was sie sahen, als sie den Tunnel­ausgang er­reichten. Sie sahen die Arche Noah, nicht Touristen­klasse, oder den Limbus, jenen Ort, an dem sich die irdischen Geschöpfe ver­sammeln werden, um auf das Jüngste Gericht zu warten. Oder sie sahen ein Filmstudio, in dem das Ende der Welt auf­genommen wurde, das heißt eine post­moderne Version der Genesis oder so ähnlich. Jeden­falls sahen sie eine Szene, die nicht von dieser Welt war."

Die Knochen der Er­mordeten schreien uns aus den Massen­gräbern an. Doch wir haben längst vergessen wollen, daß es diese Massen­gräber gibt.

Die Angst kroch hoch in uns allen, die wir uns damals in dieser groß­artigen und so furcht­bar behandelten Metro­pole der Bosnier auf­hielten. Wir saßen am Abend in der kleinen Wohnung im ersten Stock in der Nähe des Kosovo-Kranken­hauses, der Granaten­beschuß nahm ein Getöse an, daß uns auf dem Platz, auf dem wir saßen oder dem Bett, auf dem wir lagen, Angst und Bange wurde. Niemand hat diese Angst und die Demütigung so voller existentiell-literarischer In­brunst beschrieben wie unser Sarajlijer Dževad Karahasan. Er hat die Angst und alle tief­inneren Herzens- und Seelen-Bewegungen beschrieben, die in uns Menschen ab­laufen, wenn uns plötzlich wie aus heiterem Himmel Unrecht geschieht.

Die Literatur, die uns Dževad Karahasan geschenkt hat, haben wir bitter nötig. So nötig, wie die Religion und das Gebet. Nötiger jedenfalls, als die Mund­werks­burschen und -mädels des Völker­rechts und der UNO das je begreifen werden.

Plötzlich, nach den ersten Anschlägen auf das Haus, fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Und ich zitiere Dževad Karahasan aus seinem unvergeßlichen "Tage­buch": Er bemerkt zum ersten Mal, "wie schön mein Marindvorer Wohn­haus ist, das Bewußtsein durch­drang mich und buchstäblich schmerzte es mich".

Weshalb, oder deshalb ist es so subversiv und riskant, Dževad Karahasan heute aus­zu­zeichnen unter Europas Schrift­stellern. Riskant und mit keiner Risikoprämie zuzuschütten ist es, daß es ganz unzeitgemäß ist. Von Bosnien kräht in der deutschen Politik kein Hahn und keine Zeitung. Kein Hans Koschnick und kein Paddy Ashdown. Selbst Friedhelm Brebeck hat man in die Wüste seines Vorruhe- oder Ruhe­standes geschickt. Der Bayerische Rundfunk nutzte die gefährliche Tarif­ordnungs-Waffe der Pensionierung, um ihn, den unbequemen Merker von Bosnien, weg­zubringen.

Peter Handke - ja der Name dieses Schrift­stellers muß auch erwähnt werden - schrieb leicht­fertig die Apologie des Slobodan Milosevic und aller Ver­brechen in seinem und Serbiens Namen.
Er wollte nicht wissen, was passiert. Drinka Gojkovic, die Über­setzerin, kam damals, als ich das erste Mal in Belgrad war, zu mir und erzählte empört, daß dieser Handke gar nichts wissen wollte, er wußte schon alles. Eine solche Literatur könne sie nur von fern bewundern. Sie haben sich damals in der "ZEIT" gegen die Anmaßungen dieses Textes gewehrt: Die Unabhängigkeitserklärung nannte Handke "eine eigenmächtige Staats­erhebung durch ein einzelnes Volk, wenn die serbo­kroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nur ein Volk sein sollten - auf einem Gebiet, wo noch zwei andere Völker ihr Recht, und das gleiche Recht(!) hatten".

Gegen die einschlägigen Dolchstoßlegenden ist es auch heute nützlich zu zitieren, was Sie, Dževad Karahasan, damals geschrieben haben: "Die Unab­hängig­keit der Republik Bosnien und Herze­gowina ist nach einem Referendum aus­gerufen worden, bei dem Bürger dieses Landes ihre Stimme abgaben. Am 28. Februar und am 1. März 1992. Diese Abstimmung war in großen Teilen der Republik unmöglich, in denen die Macht bei der Jugo-Armee und der noch immer illegalen Polizei der von Belgrad gelenkten Serbischen Demo­kratischen Partei lag." 65 Prozent der Bürger haben sich für die Unab­hängigkeit aus­ge­sprochen.

Er sei immer ein Bosniak gewesen, der Dževad Karahasan.
Die Bosniaken nennt Handke "serbischstämmige Musel­manen". Dževad - Sie haben sich damit nicht beschäftigt, auch nicht mit der Ethno­genese. Handke hat das und verkündet, die Bosniaken stammen von den Serben ab. "Der kroatische Präsident Tudjmann weiß ganz sicher, daß wir von den Kroaten abstam-men. Mir ist es gleich, ich bitte nur diese beiden Kenner, sich zu einigen und es mir dann mit­zuteilen, damit ich es denn endlich weiß."

Jeder Punkt dieser großen Stadt an der Miljacka war von der Geschützen der Armee des Ratko Mladic und des Radovan Karadzic zu er­reichen, und es wurde verdammt scharf geschossen. "Pazi Snaiperi!" Diese Panzer und Geschütze der Armee des Generals Ratko Mladic, des Schlächters von Srebrenica, wurden übrigens von dem Diesel und dem Benzin in Bewegung gehalten, das die UNO mit unserem Geld in riesigen Konvois nach Sarajevo schickte. Die UNO ver­handelte mit den Mördern, um ihnen frei­willig erst 25 Prozent, dann sogar 40 Prozent, dann 45 Prozent ab­zugeben. Aus einer verblödenden Feig­heit heraus sagten sie den Ein­geschlossenen von Sarajevo (und schämten sich immer noch nicht): Die An­greifer sind so wichtig und gleich geartet wie die An­ge­griffenen. Nicht die Mör-der sind schuldig am Tod der Er­mordeten. Die Mörder und die Er­mordeten sind uns gleich wichtig.

Handke suggerierte in dem Text, dessen After­metha­physik auf Gerechtig­keit ging: Die Musel­manen seien kein Volk. Auch Dževad weiß nicht, ob Musel­manen ein Volk sind. Dževad - Sie sagten damals den zukunfts­trächtigen Satz, der eine Frage ist? "Die Musel­manen sind kein Volk. Aber soll man sie wirklich deshalb ausrotten? Ich kenne einige Leute, die darin ein moralisches Problem sehen würden."

Ich muß an dieser Stelle bekennen, daß mir eine Frage noch im Geschütz- und Raketen­donner einer Nacht in Sarajevo im Hals und im Herzen stecken­geblieben ist, sie quält mich immer wieder, ich kann diese Frage nie vergessen, zumal ich keine Antwort wusste: Die Frau von Semezdin Mehmidenovic nahm mich bei­seite, wir waren in einen Haus­eingang gerannt, die Granaten schlugen ein. Warum sind wir so, daß man uns ver­nichten und ver­folgen muß? Was ist an uns, daß man uns ver­jagen will? Riechen wir schlecht? Atmen wir nicht wie Menschen? Sind wir anders, so daß man uns nicht leiden kann?

Ich meine, daß von der Antwort auf diese Frage in der Zukunft von Bosnien und Herze­gowina, von Europa, an deutschen Schulen, in Ländern Afrikas, in Afghanistan, in Basra und in Bagdad vieles ab­hängt. Soll man die Musel­manen wirklich des­halb aus­rotten?