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| Juli 2010: Ein gefährliches Gefühl Mai 2010: Journalismus in der Gefahrenzone April 2010: Tödliche Länder für Journalisten Februar 2010: Unter Feuer - Journalismus in Somalia Dezember 2009: |
Wo liegt Moldawien? An dem Tag, als der liebe Gott das Land an die Völker verteilte, verschlief der Moldawier. Er wachte auf, als alles vorbei war. "Und was wird aus mir, lieber Gott?" fragte er traurig. Gott betrachtete den verschlafenen und besorgten Moldawier und überlegte, aber es fiel ihm nichts ein. Die Erde war schon verteilt, und als lieber Gott konnte er seine Entscheidungen nicht in Frage stellen. Schließlich winkte er ab und sagte: "Da kann man nichts machen. Komm, du wirst mit mir im Paradiese wohnen." Wo sich das Paradies befindet, weiß ich nicht. Aber im heutigen Moldawien wird man es gewiss nicht finden. Folgt man den Reiseerzählungen von Andrzej Stasiuk in dem Band "Unterwegs nach Babadag", denen auch die eingangs zitierte Legende entnommen ist, dann muß die Landschaft Moldawiens wunderbar sein. "Immer ist es grün", schreibt Stasiuk, "immer fruchtbar, der Horizont geht rauf und runter... Weinstöcke, Sonnenblumen, Mais, ein paar Tiere, Weinstöcke, Sonnenblumen, Mais, Weinstöcke, Sonnenblumen, Mais eine Herde Kühe und Schafe, bisweilen Obstgärten und Spaliere von Nussbäumen zu beiden Seiten der Strasse." Das alltägliche Leben in Moldawien aber, das wissen seine Bewohner viel besser als ich, ist alles andere als ein Paradies auf Erden. Anfang 2005 erschien in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" eine längere Reportage über dieses nicht nur von Gott vergessenen kleinen Landes zwischen Rumänien und der Ukraine. "Moldawiens erfolgreichstes Exportgut", so las man da, "sind seine Menschen: bis zu einer Million der gut vier Millionen Moldawier schuften für Hungerlöhne auf den Baustellen Russlands, Italiens und Portugals oder leiden in den Bordellen des Balkans." Während in der Politik und an Stammtischen über die Gefahren einer weiteren Osterweiterung Europas gestritten wird, ist sie ja in den Schattenzonen unserer Gesellschaften schon längst Realität. Es gibt, man muß sich das anlässlich von europäischen Feierstunden immer wieder vor Augen führen, ein anderes Europa, in dessen Hinterhöfe, Abstellkammern, Stundenhotels und Bauarbeitercontainern Menschen leben und arbeiten, über deren Lebensgeschichte wir nur wenig wissen, nur wenig wissen wollen. Und wenn sie dann Moldawien als ihre Heimat nennen, wissen wir nicht einmal, wo genau wir auf der Landkarte suchen müssen, um es zu finden. Da ist es ganz besonders wichtig, Menschen zu kennen, die auch ein "anderes Moldawien" personifizieren. Menschen, die sich, ihre Ideale und ihre Würde nicht zu jedem Preis verkaufen lassen wollen. Journalisten zum Beispiel, die ein hohes, oft auch existenzielles Risiko eingehen bei Recherchen im Umfeld politischer und wirtschaftlicher Macht, in der Demokratie ein Fremdwort ist und Korruption so selbstverständlich zum Alltag gehört wie der Aufgang der Sonne am Morgen. Eine von ihnen ist Alina Anghel, die im Januar 2003 in der Zeitung "Timbul" (Die Zeit) einen Artikel veröffentlicht hat, der ihre Zeitung und auch sie persönlich in große existenzielle Schwierigkeiten gebracht hat. Unter dem Titel " Luxus im Land der Armut" berichtete sie dort detailliert, wie sich in dem ärmsten Land Europas die herrschende Nomenklatura gegenseitig mit Edellimousinen versorgte. Zunächst wurde das Blatt wegen dieser Recherche auf zwei Millionen US-Dollar Schadenersatz verklagt. In einem Land, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen umgerechnet 40 Euro beträgt, bedeutet diese Forderung natürlich das Ende für jede unabhängige Tageszeitung. Zusätzlich zu dieser Erpressung wurde die Autorin dann auch noch ständig von jenen "Männern in dunklen Anzügen mit Sonnenbrillen" verfolgt, in deren Nähe man sich überall auf der Welt etwas unwohl fühlt. Als sie Ende 2004 dann auch einmal brutal zusammengeschlagen wurde, hat sie fluchtartig das Land verlassen. Für einige Monate fand sie Unterkunft bei der sehr lobenswerten Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Trotz der für unabhängige Journalisten nach wie vor nicht ungefährlichen Situation in Moldawien, lebt und arbeitet Alina Anghel jetzt wieder in ihrem Heimatland. "Journalisten helfen Journalisten", das Motto unseres kleinen journalistischen Hilfsvereins, haben wir bislang immer einseitig als Aufforderung an die Solidarität mit Kolleginnen und Kollegen in Kriegs-, Krisen- oder Armutsregionen der Welt interpretiert. Niemand der heute über die Hintergründe von Korruptionen oder über Seilschaften in der Politik recherchiert, denkt dabei an das Paradies – in Moldawien schon mal gar nicht. Aber mit seiner journalistischen Arbeit vielleicht etwas demokratischere und gerechtere Verhältnisse zu erreichen, wäre oft schon ein großer Fortschritt. Alina Anghel hat da ein mutiges Beispiel gegeben, für den sie den diesjährigen "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" als Zeichen der Anerkennung und als Unterstützung verdient. Carl Wilhelm Macke
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