Juli 2010:
Ein gefährliches Gefühl

Mai 2010:
Journalismus in der Gefahrenzone

April 2010:
Tödliche Länder für Journalisten

Februar 2010:
Unter Feuer - Journalismus in Somalia

Dezember 2009:
Kein Held und kein Märtyrer

Oktober 2009:
Nach der Trauer die Ermutigung

März 2009:
Gefährlicher Einsatz

Mai 2008:
Mut zur Skepsis

November 2007:
Helft Milan!

Januar 2007:
Radio Eriwan und das Asylrecht

November 2006:
Die große Story

August 2006:
Stimme des "anderen Serbien"

April 2006:
Wo liegt Moldawien?

Februar 2006:
JhJ-Netzwerk - Was ist das?

November 2005:
Endlich Tränen der Freude

September 2005:
Wem es gut geht

Mai 2005:
Haiti cherie

Januar 2005:
Im Schatten vom Tsunami

November 2004:
Help me

September 2004:
Gift der Gewöhnung

Juli 2004:
Ein kubanischer Fall

April 2004:
Laudatio auf Dzevad Karahasan

November 2003:
Vergessen in der Freiheit

Oktober 2003:
Simpson´s World

Juni 2003:
Drei tote Journalisten

März 2003:
Befristetes Exil

November 2002:
Back to my profession

August 2002:
Drei Opfer

Juli 2002:
Ohne Schutz

April 2002:
Tödliche Recherchen

Dezember 2001:
Fern auf dem Balkan

März 2001:
Badache

Februar 2001:
Neuanfang

Wo liegt Moldawien?

An dem Tag, als der liebe Gott das Land an die Völker verteilte, ver­schlief der Moldawier. Er wachte auf, als alles vorbei war. "Und was wird aus mir, lieber Gott?" fragte er traurig. Gott betrachtete den ver­schlafenen und besorgten Mol­dawier und über­legte, aber es fiel ihm nichts ein. Die Erde war schon verteilt, und als lieber Gott konnte er seine Ent­scheidungen nicht in Frage stellen. Schließlich winkte er ab und sagte: "Da kann man nichts machen. Komm, du wirst mit mir im Paradiese wohnen."

Wo sich das Paradies befindet, weiß ich nicht. Aber im heutigen Moldawien wird man es gewiss nicht finden. Folgt man den Reise­erzählungen von Andrzej Stasiuk in dem Band "Unterwegs nach Babadag", denen auch die eingangs zitierte Legende ent­nommen ist, dann muß die Land­schaft Moldawiens wunder­bar sein. "Immer ist es grün", schreibt Stasiuk, "immer fruchtbar, der Horizont geht rauf und runter... Weinstöcke, Sonnen­blumen, Mais, ein paar Tiere, Wein­stöcke, Sonnen­blumen, Mais, Wein­stöcke, Sonnen­blumen, Mais eine Herde Kühe und Schafe, bisweilen Obst­gärten und Spaliere von Nuss­bäumen zu beiden Seiten der Strasse."

Das alltägliche Leben in Moldawien aber, das wissen seine Bewohner viel besser als ich, ist alles andere als ein Paradies auf Erden. Anfang 2005 erschien in der Wochen­zeitung "DIE ZEIT" eine längere Reportage über dieses nicht nur von Gott ver­gessenen kleinen Landes zwischen Rumänien und der Ukraine. "Moldawiens erfolg­reichstes Export­gut", so las man da, "sind seine Menschen: bis zu einer Million der gut vier Millionen Moldawier schuften für Hungerlöhne auf den Bau­stellen Russ­lands, Italiens und Portugals oder leiden in den Bordellen des Balkans."

Während in der Politik und an Stamm­tischen über die Gefahren einer weiteren Ost­er­weiterung Europas gestritten wird, ist sie ja in den Schatten­zonen unserer Gesell­schaften schon längst Realität. Es gibt, man muß sich das anlässlich von europäischen Feier­stunden immer wieder vor Augen führen, ein anderes Europa, in dessen Hinter­höfe, Abstell­kammern, Stunden­hotels und Bau­arbeiter­containern Menschen leben und arbeiten, über deren Lebens­geschichte wir nur wenig wissen, nur wenig wissen wollen. Und wenn sie dann Moldawien als ihre Heimat nennen, wissen wir nicht einmal, wo genau wir auf der Land­karte suchen müssen, um es zu finden.

Da ist es ganz besonders wichtig, Menschen zu kennen, die auch ein "anderes Moldawien" personi­fizieren. Menschen, die sich, ihre Ideale und ihre Würde nicht zu jedem Preis verkaufen lassen wollen. Journa­listen zum Beispiel, die ein hohes, oft auch existen­zielles Risiko ein­gehen bei Recherchen im Umfeld poli­tischer und wirtschaft­licher Macht, in der Demokratie ein Fremd­wort ist und Korruption so selbst­verständlich zum Alltag gehört wie der Aufgang der Sonne am Morgen.

Eine von ihnen ist Alina Anghel, die im Januar 2003 in der Zeitung "Timbul" (Die Zeit) einen Artikel veröffent­licht hat, der ihre Zeitung und auch sie persönlich in große existen­zielle Schwierig­keiten gebracht hat. Unter dem Titel " Luxus im Land der Armut" berichtete sie dort de­tailliert, wie sich in dem ärmsten Land Europas die herr­schende Nomen­klatura ge­gen­seitig mit Edel­limousinen ver­sorgte. Zunächst wurde das Blatt wegen dieser Recherche auf zwei Millionen US-Dollar Schaden­ersatz verklagt. In einem Land, in dem das monatliche Durch­schnitts­ein­kommen um­gerechnet 40 Euro beträgt, bedeutet diese Forderung natürlich das Ende für jede unabhängige Tages­zeitung. Zusätzlich zu dieser Erpressung wurde die Autorin dann auch noch ständig von jenen "Männern in dunklen Anzügen mit Sonnen­brillen" verfolgt, in deren Nähe man sich überall auf der Welt etwas unwohl fühlt. Als sie Ende 2004 dann auch einmal brutal zusammen­geschlagen wurde, hat sie flucht­artig das Land verlassen. Für einige Monate fand sie Unter­kunft bei der sehr lobens­werten Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Trotz der für unabhängige Journa­listen nach wie vor nicht ungefährlichen Situation in Moldawien, lebt und arbeitet Alina Anghel jetzt wieder in ihrem Heimat­land.

"Journalisten helfen Journalisten", das Motto unseres kleinen journa­listischen Hilfs­vereins, haben wir bislang immer einseitig als Auf­forderung an die Solidarität mit Kolleginnen und Kollegen in Kriegs-, Krisen- oder Armuts­regionen der Welt inter­pre­tiert.
Das Motto lässt sich aber auch anders lesen: Journa­listinnen und Journa­listen die wie Alina Anghel auf den Minen­feldern der Korruption in Moldawien oder Rumänien, in Russ­land oder Belaruss arbeiten, helfen uns – ein großes Wort – etwas demütiger, vielleicht auch soli­darischer zu werden. Wegen einer Reportage über einen Korruptions­skandal wird in Deutsch­land kein Journa­list verhaftet oder zusammen­geschlagen. Von diesen Bedingungen können Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern oft nur träumen.

Niemand der heute über die Hinter­gründe von Korruptionen oder über Seil­schaften in der Politik recherchiert, denkt dabei an das Paradies – in Moldawien schon mal gar nicht. Aber mit seiner journa­listischen Arbeit vielleicht etwas demo­kratischere und gerechtere Verhältnisse zu erreichen, wäre oft schon ein großer Fort­schritt. Alina Anghel hat da ein mutiges Beispiel gegeben, für den sie den diesjährigen "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien" als Zeichen der Anerkennung und als Unter­stützung verdient.

Carl Wilhelm Macke