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"Unter Feuer "
Journalismus in Somalia ist ein Beruf für Todesmutige
Vor einem Jahr noch war der Zeitungsjournalist Abdiraham Osman hoffnungsvoll.
Sein Chef versprach, ihn in diesem Sommer zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika zu schicken. Er sollte endlich einmal eine schöne Seite seines
Berufes kennenlernen. Aber Osman kritisierte die Islamisten, weil sie ein Friedensabkommen nicht einhielten und zog sich deren Zorn zu. Nun wird der 26 Jahre alte Somalier die WM am Fernsehen verfolgen müssen – in einem deutschen Asylbewerberheim.
Abdiraham Osman lief gerade über den Markt in Mogadischu, als zwei Männer
auf ihn zukamen und schossen. „Ich rannte um mein Leben", erzählt er. Noch
am selben Tag verließ der Journalist die Hauptstadt und versteckte sich in einem
Flüchtlingslager auf dem Land. Seine Frau brachte ihm Geld und Papiere,
umarmte ihn ein letztes Mal. Dann fuhr Osman mit dem Bus ins Nachbarland Kenia
nach Nairobi, suchte einen Schlepper und floh nach Deutschland.
Osman hat Glück, denn er lebt. Somalia ist das Land, in dem unter allen afrikanischen Staaten die meisten Journalisten ermordet werden. Normalerweise nimmt Somalia auch weltweit den Spitzenplatz auf dieser traurigen Hitliste ein. Im vergangenen Jahr wurden aber auf den Philippinen bei einem einzigen Massaker 30 Medienschaffende umgebracht. In Somalia verloren neun Journalisten ihr Leben,
zwölf wurden verwundet, fünfzehn willkürlich verhaftet und ein Viertel der etwa
400 Journalisten in Somalia erhielt Todesdrohungen – beinahe täglich. 39 kamen mit der Angst um ihr Leben und das ihrer Familien nicht mehr zurecht, sie flohen
wie Osman ins Ausland.
"Unsere Zeitung musste schließen, es war einfach zu gefährlich, weiter zu arbeiten", sagt der junge Mann. Er hat für die Tageszeitung Xiddigta geschrieben. Mit einer Auflage von 4800 Exemplaren zählte sie zu den größeren Blättern im Land. Auf Anhieb fallen Osman sechs weitere Zeitungen ein, die aus Furcht vor Übergriffen auf ihr Personal aufgegeben haben. Amboise Pierre, Afrika-Direktor bei Reporter ohne Grenzen, schätzt, dass im vergangenen Jahr mindestens ebenso viele Radio- und Fernsehstationen geschlossen haben. "Für Journalisten ist die Arbeit in Somalia lebensgefährlich", sagt Pierre. "Sie sind im Kreuzfeuer, sie können von den Islamisten genauso ermordet werden wie von Soldaten der Regierung", berichtet er.
Der somalische Staat ist zerfallen, seit Diktator Siad Barre 1991 gestürzt wurde. Zuerst terrorisierten Warlords die Bevölkerung. Nun sind es die rivalisierenden islamistischen Banden al-Shabaab und Hizbul Islam. Einige Splittergruppen bekennen sich offen zu al-Qaida. Die Soldaten der provisorischen, vom Westen gestützten Regierung kontrollieren nur einen kleinen Teil der Hauptstadt Mogadischu. Es kommt vor, dass sie bei Kämpfen mit den Islamisten auf den Hof von Redaktionen flüchten und laufende Radiosendungen stören oder rücksichtslos auf Journalisten schießen. Wer die Regierung
kritisiert, kann im Gefängnis landen. Noch radikaler sind die Islamisten.
Westliche Musik ist für sie Teufelszeug, wer sich weigert, ihre Propaganda zu senden, stirbt. Viele Reporter arbeiten nur noch mit schusssicheren Westen und lernen in Kursen der somalischen Journalisten - Union, wie sie Folter oder Entführungen vielleicht überleben können.
Die freie Radioreporterin Bettina Rühl aus Köln, die seit vielen Jahren in Somalia recherchiert, sagt, die Gefahr für Journalisten sei größer denn je: "Die Warlords früher waren einigermaßen berechenbar. Aber al-Shabaab ist völlig unkalkulierbar." Das sei dramatisch für die Qualität der Berichterstattung: "Sehr viele erfahrene somalische Kollegen sind tot oder geflohen, und die jungen haben kaum eine Chance, ihr Handwerk richtig zu lernen."
Benedicte Goderiaux, die für Amnesty International Somalia beobachtet, sagt:"Es verschwinden immer mehr unabhängige Medien. Außer in Mogadischu werden
die Somalier fast nur noch mit islamistischer Propaganda berieselt." Die Menschen würden kaum noch erfahren, was in ihrem Land passiert, auch weil viele
Journalisten so eingeschüchtert seien, dass sie nicht mehr alles berichteten. Wie
also sollen die Somalier beurteilen, ob es noch Gruppen gibt, die sich um Frieden bemühen, wem sie noch trauen sollen?
Und weil sich nur noch sehr wenige ausländische Reporter nach Somalia wagten, ließen sich auch die humanitäre Lage und das Ausmaß der notwendigen Hilfe nur schwer einschätzen, sagt Goderiaux. Auf die lückenhafte Berichterstattung
führt sie es auch zurück, dass die Europäer für Somalia nur wenig Interesse entwickelten.
Süddeutsche Zeitung -
JUDITH RAUPP
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