Juli 2010:
Ein gefährliches Gefühl
Mai 2010:
Journalismus in der Gefahrenzone
April 2010:
Tödliche Länder für Journalisten
Februar 2010:
Unter Feuer - Journalismus in Somalia
Dezember 2009:
Kein Held und kein Märtyrer
Oktober 2009:
Nach der Trauer die Ermutigung
März 2009:
Gefährlicher Einsatz
Mai 2008:
Mut zur Skepsis
November 2007:
Helft Milan!
Januar 2007:
Radio Eriwan und das Asylrecht
November 2006:
Die große Story
August 2006:
Stimme des "anderen Serbien"
April 2006:
Wo liegt Moldawien?
Februar 2006:
JhJ-Netzwerk - Was ist das?
November 2005:
Endlich Tränen der Freude
September 2005:
Wem es gut geht
Mai 2005:
Haiti cherie
Januar 2005:
Im Schatten vom Tsunami
November 2004:
Help me
September 2004:
Gift der Gewöhnung
Juli
2004:
Ein kubanischer Fall
April 2004:
Laudatio auf Dzevad Karahasan
November
2003:
Vergessen in der Freiheit
Oktober 2003:
Simpson´s World
Juni 2003:
Drei tote Journalisten
März
2003:
Befristetes Exil
November 2002:
Back to my profession
August 2002:
Drei Opfer
Juli 2002:
Ohne Schutz
April 2002:
Tödliche Recherchen
Dezember 2001:
Fern auf dem Balkan
März 2001:
Badache
Februar 2001:
Neuanfang |
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Radio Eriwan und das Asylrecht
Wenn überhaupt, dann wird Armenien in der deutschen Öffentlichkeit immer nur mit einem
historischen Ereignis zusammen erwähnt. Dieses, inzwischen fast ein Jahrhundert zurückliegende
Datum jedoch besitzt immer noch eine große, in viele Bereiche der internationalen Politik
hineinreiche „Sprengkraft" – was leider sogar sehr wörtlich zu nehmen ist. Die Ermordung des
türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink Anfang des Jahres 2007 hat noch einmal gezeigt,
wie tief in die türkische Gesellschaft die „Metastasen des Hasses" (Kai Strittmatter/ SZ, 27.1.07 )
hineinreichen. Und selbst in Frankreich, wo besonders viele Exil-Armenier leben, ist die richtige
Einordnung des Genozids an dem armenischen Volk im Jahre 1915 immer noch ein „heißes
innenpolitisches Eisen".
In Deutschland, in dem weniger Armenier aber dafür viele Türken leben,
ist der Genozid vom Parlament zwar explizit verurteilt worden, aber um keine Unruhe zu schaffen,
blendet man dieses Thema lieber aus der öffentlichen Wahrnehmung aus. Was aber berichteten
die Medien über das Armenien heute? Über die für einige Wenige optimale, für die Mehrheit aber
katastrophale wirtschaftliche Situation im Land, über die wuchernde Korruption, über den Stand der
Pressefreiheit? Da muß man in den deutschen Medien lange suchen - oder man lernt eine
armenische Journalistin kennen: eine Redakteurin der SZ- Lokalausgabe für Dachau hat dem
Verein „Journalisten helfen Journalisten" von einer armenischen Fernsehkollegin berichtet, die sie
im Rahmen ihrer beruflichen Arbeit getroffen hätte. Die Kollegin hält sich aber in Deutschland nicht
wegen Dreharbeiten oder einer Recherche auf. Sie lebte zum Zeitpunkt der ersten
Kontaktaufnahme schon seit gut zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann in einer ‚Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber' am Rande von Dachau.
Den Antrag auf Asyl hat sie
gestellt, weil sie in Armenien um ihr Leben fürchtet. Mehrfach schon hatte man ihr mehrdeutige
Botschaften übermittelt, die auch Verfolgungen nicht ausschließen, wenn sie weiterhin bestimmte
sozialkritische Filme dreht. Vor allem aber besitzt die Kollegin das Wissen über ein Video, das die
Verwicklung der aktuellen Regierungsspitze in ein Attentat aus dem Jahre 1999 belegt. Obwohl
andere im Exil lebende armenische Kollegen die Glaubwürdigkeit ihrer Kollegin bestätigen und zu
jeder Zeugenaussage bereit sind, vertraute der deutsche Gericht mehr dem Gutachten einer
Armenien-Expertin, die eine Gefahr für kritische Journalisten als unbewiesen ansieht.
Dagegen
stehen Recherchen der ‚Reporter ohne Grenzen' und anderer journalistischer Hilfsorganisationen (wie etwa das kanadische „Committee to protect Journalists", die für Armenien eine erhebliche
Einschränkung der Pressefreiheit konstatieren). Die von der Kollegin formulierte Angst vor einer
Rückkehr nach Armenien hat demnach gute Gründe. Derzeit wird diese unterschiedliche
Einschätzung der Menschenrechte in Armenien noch vornehmlich auf dem Rücken der
Asylbewerber ausgetragen. Frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip gibt es das Asylrecht noch (!) in
Deutschland, aber ... bei einem negativen Ausgang des Asylverfahrens ist eine zwangsweise
Abschiebung nach Armenien nicht ausgeschlossen.
Derzeit arbeitet die passionierte Journalistin im
Wäschedienst des Dachauer Krankenhauses. Alle mit ihr in Kontakt stehenden Personen und
Institutionen stellen ihr nur beste Zeugnisse aus. Das Gericht jedoch urteilt nach anderen Kriterien,
aber auch nach den Befunden eines anzweifelbaren Gutachtens. Immerhin konnte es jetzt
geschafft werden, dass die Kollegin zusammen mit ihrem Mann die Gemeinschaftsunterkunft
verlassen hat und in einem kleinen, vom Krankenhaus in Dachau zur Verfügung gestellten
Appartement lebt. Als Beweis für ihre trotz der widrigen Lebensumstände nicht verlorene
journalistische Passion produziert die Kollegin inzwischen ein Mal im Monat für einen kleinen
lokalen Radiosender eine Sendung über die armenische Kultur. Ohne jedes Honorar und nur aus
Liebe zu ihrem Land…
Carl Wilhelm Macke |
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