Juli 2010:
Ein gefährliches Gefühl
Mai 2010:
Journalismus in der Gefahrenzone
April 2010:
Tödliche Länder für Journalisten
Februar 2010:
Unter Feuer - Journalismus in Somalia
Dezember 2009:
Kein Held und kein Märtyrer
Oktober 2009:
Nach der Trauer die Ermutigung
März 2009:
Gefährlicher Einsatz
Mai 2008:
Mut zur Skepsis
November 2007:
Helft Milan!
Januar 2007:
Radio Eriwan und das Asylrecht
November 2006:
Die große Story
August 2006:
Stimme des "anderen Serbien"
April 2006:
Wo liegt Moldawien?
Februar 2006:
JhJ-Netzwerk - Was ist das?
November 2005:
Endlich Tränen der Freude
September 2005:
Wem es gut geht
Mai 2005:
Haiti cherie
Januar 2005:
Im Schatten vom Tsunami
November 2004:
Help me
September 2004:
Gift der Gewöhnung
Juli
2004:
Ein kubanischer Fall
April 2004:
Laudatio auf Dzevad Karahasan
November
2003:
Vergessen in der Freiheit
Oktober 2003:
Simpson´s World
Juni 2003:
Drei tote Journalisten
März
2003:
Befristetes Exil
November 2002:
Back to my profession
August 2002:
Drei Opfer
Juli 2002:
Ohne Schutz
April 2002:
Tödliche Recherchen
Dezember 2001:
Fern auf dem Balkan
März 2001:
Badache
Februar 2001:
Neuanfang |
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Gift der Gewöhnung
Tag für Tag werden überall auf der Welt die Menschenrechte verletzt, mit den Füssen getreten, verhöhnt und offen bekämpft. Der stärkste und schmerzhafteste Angriff auf die Menschenrechte wird aber kaum bemerkt. Er geschieht lautlos, immer versteckt im Trott des Alltags, immer in unserer unmittelbaren Nähe. Und nicht selten sind wir selber Urheber dieser wirksamsten Mißachtung der Menschenrechte. Es ist die Gewöhnung an Nachrichten über fehlende, bedrohte oder mit aller Macht bekämpfte Menschenrechte. Werden wir konkreter und reden wir über den allen Journalisten und Publizisten besonders wertvollen Artikel 19 der Menschenrechte. "Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinung und Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, sich Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu beschaffen, zu empfangen und zu verbreiten." Ohne dieses fundamentale Menschenrecht ist ein freier Journalismus undenkbar. In ganz besonders spektakulären Fällen, wenn zum Beispiel ein Journalist während der Berufsausübung ermordet wird, hält man vielleicht für einen kurzen Moment inne. Dann aber, wenn uns zu viele schlimmen Nachrichten aus allen Winkeln der Welt erreichen, beginnt das Abstumpfen jeder besonderen Aufmerksamkeit. Das Gift der Gewöhnung an Menschenrechtsverletzungen breitet sich aus. Nehmen wir als Beispiel den August 2004: im Irak wird der italienische Journalist Enzo Baldoni von Kidnappern entführt und hingerichtet. Außerhalb seines Heimatlandes Italien wird dieses Ereignis kaum zur Kenntnis genommen. Unmittelbar nach dieser Hinrichtung von Baldoni werden ebenfalls im Irak die zwei französische Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot gekidnappt und mit einer brutalen Exekution bedroht, falls der französische Staat nicht auf letztlich unerfüllbare politische Erpressungen eingeht. So wie sich die Verhältnisse im Irak ein Jahr nach dem Sturz von Saddam Hussein entwickelt haben, muß man mit weiteren ähnlichen Entführungsfällen rechnen. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2004 sind im Irak nach Angaben der "Internationalen Journalisten-Föderation" 75 Mitarbeiter von Medien getötet worden.
An diese Nachrichten aus dem Irak ist man inzwischen bereits zu sehr gewöhnt. Man beginnt sie, zu verdrängen. Zeitgleich mit diesen spektakulären Nachrichten erreichten den Verein ‚Journalisten helfen Journalisten‘ Anfragen um Hilfen für Kollegen aus Bangladesh, Haiti, Mauritius, der Elfenbeinküste, Kenya, Botswana und Nepal. Diese Länder gehören zu den ärmsten Regionen der Welt, in denen Journalisten von den Zielen des Artikels 19 der Menschenrechte nur träumen können. In Nepal zum Beispiel geraten immer mehr Journalisten zwischen die Fronten einer aggressiven maoistischen Guerilla und den als nicht weniger brutal bekannten nepalesischen Sicherheitsdiensten. Aus der Dominikanischen Republik kommt der Hilferuf eines Journalisten, der vor den politischen Verfolgungen auf Haiti geflüchtet ist. Ein Reporter aus Bangladesh, einem der ärmsten Länder der Welt, bittet um Unterstützung zur Anschaffung eines Laptops, um seine Artikel nicht mehr länger mit einer klapprigen Schreibmaschine zu verfassen. Es übersteigt die Möglichkeiten eines kleinen Vereins wie JhJ, alle Anfrage mit den gewünschten materiellen Unterstützungen zu beantworten. Es kann oft nur eine symbolische oder stellvertretende Hilfe geleistet werden wie zum Beispiel für einen Journalisten aus Zimbabwe, der vor den Verfolgungen des Mugabe-Regimes nach Deutschland geflüchtet ist. JhJ sagt ihm eine Hilfe zum Lebensunterhalt im teuren deutschen Exil zu. Begleitet werden diese Anfragen um Unterstützung in Einzelfällen von Nachrichten aus dem Iran, von den Philippinen, den Malediven, aus Pakistan, Kuba, der Ukraine und Russland über Ermordungen, Verfolgungen und Inhaftierungen von Journalisten. Diese Nachrichten über die Verletzung der Menschenrechte und der Menschenwürde zur Kenntnis zu nehmen, ist oft das Einzige was man machen kann. Es sind einfach zu viele Hilferufe, um in jedem Einzelfall angemessen zu reagieren. Sich aber an diese Nachrichten zu gewöhnen, bedeutet nichts anderes, als das Gift der Gewöhnung an die Verfolgung von Publizisten widerstandslos und unbeachtet zu akzeptieren.
Carl Wilhelm Macke |
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