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Unabhängiger
Journalismus im Irak
Ein
Computer, ein Laptop und ein Drucker, aufgestellt in der Lobby eines kleinen
Hotels im Zentrum von Bagdad: So entsteht im Irak eine Zeitung, zumindest
dann, wenn es gerade einmal Strom gibt. Das Blatt hat zwei Titel, al-Muajaha und The Iraqui Witness, denn als einzige der vielen neuen
Zeitungen erscheint es zweisprachig auf Arabisch und auf Englisch. Und
es hat ein großes Ziel: "Wir wollen eine total unabhängige
Zeitung machen", sagt Majid Azzam Garrar.
Zusammen mit ein paar Gleichgesinnten hat er die Wochenzeitung aus der
Taufe gehoben. Mittlerweile besteht die Redaktion aus 16 Mitarbeitern
im Alter von 16 bis 52 Jahren, die ohne Chefredakteur und ohne Lohn arbeiten.
Zeugnis abliefern wollen die Journalisten von den Schwierigkeiten des
Umbruchs in ihrem Land. Sie berichten über die Aufarbeitung der Verbrechen
des alten Regimes, über Aufruhr an den Universitäten, über
das neu auflebende Kulturleben oder über verbale Entgleisungen Donald
Rumsfelds - alles sehr engagiert, vieles sehr subjektiv. Und was sie neben
ihrem Enthusiasmus vor allem auszeichnet, ist die mangelnde Erfahrung.
Denn keiner von ihnen war früher bei den vom Präsidentensohn
Uday Hussein dirigierten staatlichen Medien angestellt, keiner war also
involviert in die Regierungspropaganda.
Mit der angestrebten Unabhängigkeit ist es dennoch nicht so leicht.
Denn hinter den meisten der etwa 20 anderen Zeitungen, die sich seit dem
Sturz Saddam Husseins im Land gegründet haben und nun von fliegenden
Händlern an jeder Straßenecke verbreitet werden, stecken mehr
oder weniger finanzstarken Parteien. Die Medien sind schnell zum Mittel
im Machtkampf geworden. Die Exil-Gruppen, die fundamentalistischen Schiiten,
die Kurden und alle, die sonst noch mitspielen wollen im Bagdader Politpoker,
stecken auch hier ihr Feld ab.
Die Macher von al-Muajaha jedoch möchten sich nicht festlegen
oder vereinnahmen lassen, auch wenn sie mit jedem der 3000 gedruckten
Exemplare ihrer ersten Ausgabe Geld verloren haben. "Wir wollen eine
Bühne sein für jeden und so viele Meinungen abdrucken, wie wir
können", sagt Majid Azzam Garrar. Grenzen gibt es offenbar keine,
sie sind verliebt in den neuen Pluralismus. "Natürlich würden
wir es auch drucken, wenn einer schreibt, warum er Saddam liebt."
So einfach wird sich da allerdings kein Autor finden lassen. Ziemlich
leicht scheint es allerdings zu sein, Kritiker des US-Engagements zu finden.
Ätzende Kommentare zur mangelnden Sicherheit und zum Chaos im Land
ziehen sich jedenfalls durchs Blatt.
Auf Unabhängigkeit besteht al-Muajaha also auch gegenüber
den amerikanischen Aufbau-Helfern, die sich mittlerweile recht eifrig
um die Medienlandschaft kümmern. Das staatliche Fernsehen und Radio
sendet wieder, jetzt als Organ der US-Zivilverwaltung. Angestellt sind
die dortigen Journalisten, die zumeist als den alten Redaktionen übernommen
wurden, beim amerikanischen Amt für Wiederaufbau und humanitäre
Hilfe, das dem Pentagon unterstellt ist. Bei al-Muajaha aber sagen
sie, dass sie lieber zuzahlen als sich bezahlen zu lassen.
(Quelle: SZ, 28.6.2003) Peter
Münch |
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