August 2008:
Netzwerk der Helfer (pdf-Datei)

Oktober 2007:
Zum 100. Geburtstag von Varian Fry

August 2007:
Tunnelblick im Feuilleton (pdf)

Mai 2007:
Es herrscht Ruhe im Land

Januar 2007:
Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

Oktober 2006:
Civil Globalisation

Juni 2006:
Erinnerung an Ilaria Alpi

Februar 2006:
Sie liebte ihr Land

November 2005:
Tränen der Freude (pdf-Datei)

März 2005:
Hilfeschreie (pdf-Datei)

Dezember 2004:
Eine verwüstete Landschaft

September 2004:
El veneno de la habituacion (pdf-Datei)

Pressemitteilung
Januar 2004:
Leipziger Medienpreis 2004

Dezember 2003:
Preis für Toleranz

August 2003:
Unabhängiger Journalismus im Irak

Juli 2003:
Der Krieg nach dem Krieg

April 2003:
Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Eine verwüstete Landschaft

Serbische Medien im Jahre 2004

Ljubomir Pajic‘

In Serbien gibt es heute Tausende von Medien. Eine offizielle Statistik gibt es zwar nicht, aber Schätzungen sprechen von mehr als 1.600 Fern­seh- und Rund­funk­anstalten  sowie von etwa 3.000 Zeitungen und Zeit­schriften. Selbst diese unglaublich hohen Zahlen sind wahr­scheinlich eine Unter­schätzung. In Serbien ist es einfacher, eine Zeitung oder Rund­funk­anstalt zu gründen als einen Kiosk mit Süßwaren zu öffnen. Diese Medien sind in eine Schlamm-Schlacht verwickelt in der es keine Regeln gibt, weil man ohne Gesetze und Regeln und ins­besondere ohne jegliche Skrupel arbeitet.

Die Belgrader Publi­zistin Isidora Bjelica ver­achtet fast alle Medien in Serbien. Ihrer Meinung nach dienen sie „einer totalen Ver­dummung der Massen“. Sie bezeichnet sie schlicht als „kommunistoid“, obwohl sie sich so unter­scheiden als ob sie von ver­schiedenen Konti­nenten kämen.

 

Treuer als treu

Erst wenn sie ihre verschlüsselte Meinung näher beschreibt, kommt Bjelica auf den Kern. Da die größten und bekann­testen Medien in Serbien noch in kommunis­tischen Zeiten unter Tito ent­standen sind, ähneln sie sich tatsächlich wie Zwillinge. Natürlich sind auch jene Medien, die nach Titos Tod ent­standen sind, den alten Medien sehr ähnlich, weil sie logischer­weise von Menschen gegründet worden sind, die aus ein und derselben Schule kommen.

Bjelicas Be­zeichnung „kommunistoide“ kann man gelten lassen, obwohl sie damit jene Medien meint deren Gesinnung und Denk­art aus der Zeit der Diktatur von Slobodan Milosevic stammen und nicht aus Titos kommunis­tischer Zeiten. Diese beiden Typen von Medien unter­scheiden sich sehr.

Titos kommunis­tische Medien­schule in Jugos­lawien und, natürlich auch in Serbien war sehr einfach. Seine Zensoren ließen keine Texte durch, die auch den leisesten Hauch von Kritik ent­hielten. Dabei gab es immer jene, die dem Regime treu dienten und jene die ihm noch treuer dienten.

Es gab keine schriftliche An­weisungen, was man schreiben und nicht schreiben durfte, aber allen war klar, dass sie der Staats­macht treu dienen müssen. In der Regel galt es, Auto­zensur zu üben, wenn das Thema oder der Inhalt zwei­deutig inter­pretiert werden können.

Unter Journa­listen in Jugos­lawien ent­stand zu Titos Zeiten eine tiefe Spal­tung von der man aber nie reden durfte. Natürlich gab es keine Presse­freiheit, aber zwischen den Journa­listen herrsch­ten viele Unter­schiede.

Innen­politische Journa­listen, zu denen auch die Ressorts Chronik und Lokales gehörten, mussten Mit­glieder der Kommunis­tischen Partei sein. Ähnlich war die Situation mit den Ressorts Kultur und Sport. Die einzige Aus­nahme war die Außenpolitik. Journa­listen, die sich mit der Außen­politik befassten, mussten nicht der Partei angehören, da ihre Zensoren von dieser Art von Journa­lismus nicht viel hielten. Natürlich bedeutete das nicht, dass es Ihnen völlig egal war, wie man über die Welt schreibt.

Man unterschied zwei Arten von Außen­politik: eine die nach Außen und die andere die nach innen wirkt. Wenn es um Tito und seine Getreuen ging, die sich ständig auf Auslands­reisen befanden, wurden über diese Reisen Lob­gedichte geschrieben. Um über diese Reisen partei­konform zu schreiben, be­gleiteten ihn Chef­redakteure und Innen­politik-Leiter, also jene Journa­listen, die diese Artikeln fast nur noch unter­schreiben sollten, da sie in Partei-Zentralen geschrieben waren.

Diese Journa­listen be­gleiteten auch Besucher aus dem Ausland und be­richteten nur auf­grund von Mit­teilungen, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden. Ausländische Journa­listen wurden nur dann akzeptiert,  wenn es um Gespräche mit ausländischen Staats­gästen in einer Fremd­sprache ging.

Den außen­politischen Journa­listen wurden „einfache“ Themen aus dem Ausland über­lassen, die die Zensoren für nicht gefährlich hielten.

Übertreiben ist „gesund“

So durfte man über unangenehme Themen aus dem Ausland, natürlich aus dem Westen, berichten, wie z. B. Budgetdefizite, Haus-Besetzer oder Naturkatastrophen. Und die letzteren wurden oft maßlos übertrieben. Das alles stand im schroffen Gegensatz zur Innenpolitik, in der solche Themen Tabu waren.

Nach Meinung der Zensoren war diese Praxis auch ‚pädagogisch richtig‘  denn auf diese Art wurde das Ver­trauen der Bevölkerung in die lokale Macht gestärkt. Ent­sprechend diesem Motto gab es in Jugos­lawien fast nie etwas Unangenehmes. Auch bei sozia­listischen Freunden im Osten und anders­wo verlief das alltägliche Leben immer ohne Hinder­nisse und Schwierig­keiten.

Nach dem Tode Titos begann in den 80er Jahren einen starken Auf­schwung des seriösen Journa­lismus, aller­dings wieder beschränkt auf die außenpolitische Bericht­erstattung. Nach dem Ab­gang des großen Diktators gab es plötzlich eine Anzahl von kleinen lokalen Diktatoren, die ihre Macht in den Teil­republiken ausübten und die Medien für ihren Kampf um Titos Erbe benutzten.
 
Im ganzen damaligen Jugos­lawien gab es nur wenige Medien. Dies betraf ins­besondere die Fernseh- und Rund­funk­anstalten, die nur 2 oder 3 Kanäle hatten. Selbst­verständlich gab es keine privaten Medien, die das Monopol der staatlichen Medien hätten gefährden könnten.

Es ist interessant, dass unter Tito die Medien sprachlich und stilistisch fast perfekt waren. Bei der Aufnahme von Journa­listen und Sprecher galten die höchsten Audio- und Video­standards wie im Westen, und bei Zeitungen und Zeit­schriften arbeiteten viele Lektoren sehr gewissen­haft.

Als die Macht der Kommunistischen Partei immer schwächer wurde, tauchten in den westlichen Teil­republiken wie Slowenien und Kroatien neue kritische Medien auf. Da immer noch keine privaten Medien erlaubt waren, wurden viele zum Bei­spiel als Jugend­zeit­schriften getarnt. Aber selbst diese Medien waren nicht kritisch gegen die neue Parteien, die sie unterstützten.

In Serbien hatte sich mit der Macht­über­nahme von  Slobodan Milosevic die Lage der Medien im Jahre 1987 drastisch ver­schlimmert. Er wußte wie abhängig seine Politik von den Medien war, da er den Medien schließlich auch seinen Weg zur Macht verdankte.

Er setzte auf die Karte des Serbischen Nationa­lismus, der noch unter Tito heftig bekämpft wurde. Durch private Ver­bindungen in den Medien gelang es ihm, seine politischen Kontra­henten aus­zuschalten und einen freien Weg für den Aufstieg zur totalen Macht zu erhalten.

Verblüffte Bürger konnten plötzlich un­glaubliche Lügen mit er­niedrigen­den Ge­schichten über die poli­tischen Gegner von Milosevic‘ lesen oder hören. Viele fanden es interessant, jetzt über bisher unantast­bare Politiker pikante Ge­schichten zu erfahren. Nur wenige ver­suchten, vor solchen Praktiken zu warnen.

Säuberungen von Journa­listen waren unter Tito keine Selten­heit, aber ver­glichen mit denen, die unter Milosevic passierten, waren sie fast harm­los. Kritische Journa­listen, genau so wie Politiker, wurden bei Tito nur auf andere Stellen, wo sie keinen öffentlichen Ein­fluss mehr hatten, versetzt. Bei Milosevic‘ ging es ums Ganze. Ent­lassene Gegner wurden ohne jegliche Chance auf einen neuen Arbeits­platz einfach raus­geschmissen. 
 
Das war der Anfang vom Ende des unab­hängigen Journa­lismus, der sich vor allem in außen­politischen Redaktionen ent­wickelt hatte. Um kritisch zu sein, musste sich ein Journa­list zuerst die Rücken­deckung einer Oppositions­partei sichern, die um ihn schützen würde, falls er von Milosevic‘ verfolgt wird. Aber damit ging die Objektivität verloren, denn so war er gezwungen, Anweisungen des neuen Arbeit­geber zu folgen, die sich oft nicht allzu­sehr von jenen aus der Ära Milosevic‘ unter­schieden.

Schweigen ist „sauber“

Für Milosevic‘ war nichts in den Medien unwichtig und so begannen seine Kommissare sofort mit den Säuberungen. Außenpolitische Redaktionen wurden auf den Kopf gestellt. Man verlangte jetzt ein sog. „aktives“ Schreiben.
Anstelle über Leben im Ausland, über Wahlen und politische Ent­wicklungen zu schreiben, sollten jetzt außenpolitische Journa­listen in Serbien in Ihren Artikeln und Kommentaren persönliche Ab­rechnungen mit ausländischen Politikern, die Milosevic‘ nicht gefielen, durchführen. Wenn dieses nicht geschah, wurden sofort erfahrene treue „Schreiber“ aus innen­politischen Redaktionen ein­geschaltet.

Als in solchen „Kommentaren“ z.B. über Helmut Kohl oder Hans-Dietrich Genscher plötzlich persönliche Beleidigungen zu lesen waren, wurde allen klar, dass die dikta­torische Maschine nicht mehr zu bremsen war.
Die repressive Politik hatte Erfolg. Die absolute Mehrheit unter Journa­listen in Serbien ent­schloss sich zu schwiegen. Man konnte nur „sauber“ bleiben, wenn man nichts tat.

So hatte die Mehrheit unter den  serbischen Journa­listen schweigend zu­gesehen wie die Propa­ganda von Milosevic‘ das Land in die Kriegs­katastrophe und hundert­tausende von Menschen in den Tod trieb.

Es gab, natürlich, auch kritische Stimmen, die man als Opposition titulierte, die sich aber letztlich nur für andere Wege zum selben Ziel einsetzten. So war z. B. der Führer der Serbischen Radikalen Vojislav Seselj, der heute zusammen mit Milosevic‘ vor Gericht in Den Haag steht, lange Zeit  der größte Kritiker von Milosevic‘. Seine Kritik bestand aber darin, dass er zu zögerlich die ‚Kriegs­karte‘ spielte.
Der große Manipulator Milosevic‘ gründete auch selber Medien, die schein­bar gegen ihn waren und die er gelegent­lich benutzen konnte, nur um seine Ideen besser ver­kaufen können. Die Idee kam von seiner Frau Mirjana Markovic‘, die mit einer eigens von ihr gegründeten Partei ( „Jugoslawische Linke“ )vor­nehmlich die Medien, die Intellek­tuellen, die Universi­täten, kurz den ‚kulturellen Sektor‘ kontrollieren sollte.

Das war die Zeit der ‚neuen Säuberung‘. Jetzt wurden selbst  loyale Parteigänger von Milosevic‘ aus den Medien raus­geschmissen, wenn sie nicht mehr treu genug waren oder ihre eigenen politische Ambitionen hatten. Mit denen rechneten dann nicht nur der Apparat von Milosevic‘ ab, sondern auch seine Gefolgs­leute in den Medien.

Das staatliche Fern­sehen wurde zur Macht­bastion von Milosevic‘ ausgebaut. Opposi­tionelle Parteien nannten es „die rote Bastille“. Im einst niveau­vollen Fern­sehen tauchten neue Gesichter auf, denen die Normen der Sprache nichts mehr galten. Keine Ausdrücke waren verboten, wenn es um die Gegner von Milosevic‘ ging. Ausländische Politiker wurden als „Schweine“ und „miese Schwule“ tituliert. Oppo­sitionelle Gegner wurden zu „Verräter“ und Journa­listen, die sich nicht beugen wollten waren „ausländische Söldner“.

Die wichtigsten Beschlüsse von Milosevic‘ wurden täglich in der abend­lichen Tages­schau veröffent­licht.  Für jedes Problem und jede Schwierig­keit hatte das Fern­sehen einfache Erklärungen. Die Wetter­verhältnisse in Serbien wurden mit Atom­waffen­tests der Amerikaner erklärt usw. Die Ver­dummung der Massen hatte keine Grenzen mehr.

Im Winter 1996 wurden in Belgrad wochen­lang jeden Tag Massen­demons­trationen gegen Milosevic‘ durch­geführt. Ältere Passanten, von ausländischen Journa­listen befragt, meinten aber, dass es keine Proteste gege­ben hatte, da „die Tages­schau es nicht berichtet hat“.
Als die Anzahl der Demons­tranten in Belgrad auf 200.000 stieg, veröffentlichte eine an­gebliche Oppositions­zeitung eine winzige Notiz auf der ersten Seite. Darin hieß es dass Zoran Djindjic, damals Präsident der Demo­kratischen Partei und Anführer der Proteste, angeblich ein geheimes Treffen mit Milosevic‘ hatte. Am nächsten Tag waren nur noch 10.000 Menschen auf der Strasse.
 
Es ist heute schwer zu sagen, wann Serbien am stärksten unter dem Verfall gelitten hat. Für Jugos­lawien ins­gesamt war es sicherlich am Anfang der 90er Jahren, aber für Serbien war es die zweite Hälfte in der Dik­tatur von Milosevic‘, also ab Mitte der 90er Jahre. Diese Zeit könnte man nur mit der Chinesischen „Kultur­revolution“ ver­gleichen.

Eine solche Revolution zerstörte die Kultur­szene, die Theater, alle Insti­tutionen, selbst die Musik. Die „Verdummung der Massen“ wurde durch Forderungen primi­tivster Art nach neu­komponierter Volks­musik betrieben oder  durch die Ideali­sierung der Sänger, die zu wahren Volks­helden und Massen­idolen ernannt wurden. Diese extreme Verdummung wurde sowohl von staatlichen als auch von neuen privaten Medien betrieben, die sich aus­schließlich dieser Art von Musik, Soap-Serien und Raub­kopien von neuesten Hollywood Produktionen widmeten.
Unterstützt vom staatlichen Geheim­dienst führte die JUL-Partei dann den Kampf gegen die „Verräter und Söldner“ durch. Dass sich die Mehr­heit der Journa­listen diesem Druck beugte, ist eine Schande. Einige Journa­listen die es gewagt hatten,  die JUL zu kriti­sieren, wurden ent­lassen und einige wurden sogar um­gebracht. Zu ihrer Beseitigung wurde zuvor in führenden Regime-Medien offen auf­gefordert.

Das war der Beginn der Kosovo-Krise. Es folgten Attentate auf politische Gegner und Morde. Alle Medien wurden für das Kosovo und für die spätere Auseinander­setzung mit NATO instrumen­tali­siert.

Am 5. Oktober 2000 war Milosevic‘ nach großen Demons­trationen gezwungen worden,  zurück­zutreten. Hinter ihm blieb eine öde und verwüstete Medien­land­schaft in einem Land ohne Hoffnung. Die Karten wurden neu gemischt.

Machtkampf der „Demokraten“

Allerdings hatten die Parteien der bis­herigen Opposition und der neuen Macht nur kleine Partei­blätter. Um die Kontrolle über Medien zu erhalten, versuchten sie überall wo es möglich war vorhandene Medien zu über­nehmen. Eine große Hilfe bei dieser Über­nahme waren erfahrene Zensoren, die Milosevic‘ treu gedient haben und jetzt neue Herren brauchten.

Die neue Koalition an der Macht in Serbien bestand aus 18 Parteien. Plötzlich war auch der Journalisten­markt wieder sehr wichtig geworden. Die großen Parteien haben natürlich die meisten Journa­listen gewinnen können, aber auch die kleinen Medien profitierten von den neuen Frei­heiten. Obwohl Journa­listen offiziell nicht Mitglieder von politischen Parteien werden sollen, damit sie Ihre Objektivität behalten, gibt es heute fast keine partei­losen Journa­listen mehr. Einige fleißige Über­flieger haben in ihrer Kariere bis zwei Dutzend Mit­glieder­schaften hinter sich.

Journalisten sind heute in Serbien gefragt wie noch nie zuvor. Die Anzahl der Medien explodierte. Eine besonders große Bedeutung haben heute Medien, die von Kriegs- und Inflations­profiteuren (300 Millionen Prozent monatlich) aus der Milosevic‘-Zeit gegründet wurden.

Zu der Zeit nannten sich einige wenige Medien unabhängig, aber tat­sächlich konnte damals nur der Staat Medien gründen. Von einigen Medien weiß man heute, dass sie von Milosevic’ gegründet waren, um nach außen den Anschein der Demokratie vorzu­täuschen. Nach dem Abgang von Milosevic’ wurden diese Medien schnell privati­siert, ohne dass jemand erfahren konnte, wer wieviel für sie bezahlt hat. Tat­sächlich befinden sich nur wenige ihrer Redakteure unter den neuen Besitzern, ohne dass sie dafür etwas zahlen mussten. Die neuen Besitzer bekamen auch alle Immobilien und gesamte Technik umsonst. Rundfunk- und Fern­seh­anstalten über­nahmen Emissions­technik, Antennen, Links und Repetitoren.
Bei diesen quasi unabhängigen Medien kann man zwei Gruppen unter­scheiden: die erste, dessen Ressourcen vom Staat kamen und die andere, die aus dem Ausland finanziert wurde. In beiden Fällen sind die neuen Besitzer Personen aus den Redaktions­reihen. Da nach damaligen Gesetzen keine Privat­person Medien gründen konnte und da in Serbien kein einziger Journa­list finanziell imstande wäre sich daran zu beteili­gen, kann es nur bedeuten, dass die damit für ihre treue Arbeit, für wen auch immer, belohnt wurden.

Die sogenannte „Assoziation der unabhängigen Journa­listen“ drohte damit, dass sie jene Kriegs­hetzer unter Journalisten vor Gericht bringen und die schlimmsten unter ihnen öffentlich exeku­tieren wird. Daraus wurde, natürlich, nichts. Kein Journalist wurde jemals wegen seiner öffentlichen Hetze zur Verant­wortung gezogen. Dafür bekamen die Führer der Assoziation gut dotierte Direktoren­posten in diesen Medien.

Die großen Profiteure, die ihren enormen Reichtum Milosevic‘ verdanken, waren für nur eine kurze Zeit still, als die erste demokratische Regierung von Minister­präsident Zoran Djindjic‘ es sich vorgenommen hatte,  ihre gesetz­widrige Bereicherung zu unter­suchen.

Als Zoran Djindjic‘ ermordet wurde, hieß es, dass alle Verbrechen und Sünden der Vergangen­heit vergessen werden. Der Appetit der neuen Medien­besitzer waren so gewachsen, dass sie sich in die Politik direkt ein­gemischt haben, aber nicht nur wie bisher, indem sie einige Politiker unter­stützen, sondern auch als Politiker, die von eigenen Medien unterstützt werden.

Und obwohl es in Serbien statistisch unglaublich viele Medien gibt, ist die Mehr­zahl von ihnen jedoch sehr klein. Sie be­stehen aus vielleicht nur 2-3 Mit­arbeitern. Oft dienen solche Medien auch nur zur Geld­wäsche aus schmutzigen Geschäften.

In Serbien hat es nie Journa­listen gegeben, die einer Ideologie angehören. Sie schrieben nicht aus Über­zeugung,  sondern nur im Auftrag der Befehls­haber und sie taten das was von ihnen verlangt wurde. Zu Titos Zeiten war es aus Angst um Privilegien, zu Milosevic‘ Zeit war es manchmal die Angst um das eigene Leben und heute ist es die Angst um die bloße Existenz.

Da viele Journa­listen ihre Lektion gelernt haben und ihre ersehnte Unabhängig­keit mit einer sicheren Treue gegenüber Parteien oder Medien­inhaber getauscht haben, gibt es keine Ent­lassungen und keine arbeits­losen Journa­listen mehr.

Es gibt auch keine neuen Medien­gesetze. Alle Fern­seh- und Rund­funk­sender  arbeiten praktisch illegal, da Frequenzen nie offiziell vergeben wurden. Es gibt auch keine Regeln, die den Medien zeigen würden, wo die Grenzen des guten Geschmacks, der Verleumdung, des Rufmordes oder der einfachen An­ständig­keit sind. Um unter solchen Umständen und in einer solchen Umgebung zu überleben, vergessen Medien und Journa­listen oft Moral und Skrupel.

Die Medien in Serbien kann man nach ihren jeweiligen Besitzern unter­scheiden. Die Mehr­zahl sind jene, die Tabloiden ähnlich sein sollen, sich aber von denen durch übertriebene Politi­sierung unter­scheiden. Das ist die Mehr­heit, zu der auch Fern­seh- und Rund­funk­anstalten gehören (wie grotesk das immer auch klingen mag).

In der mittleren Gruppe sind einfache „treue“ Medien, die der aktuellen Macht dienen. Anführer dieser Gruppe sind die ‚POLITIKA‘,  älteste Zeitung auf dem Balkan, die heute der Deutschen WAZ-Gruppe gehört und das staatliche Fern­sehen.

Medien der dritten Gruppe werden als lang­weilig bezeichnet. Es sind jene Medien, die früher ihre Popularität auf vor­sichtigen Wider­stand gegen Milosevic‘ gebaut haben. Die aktuelle Macht hat keinen Bedarf an ihnen, da diese Medien sowieso nicht besonders beliebt sind. Ihre Besitzer meiden alle Kon­flikte und das macht sie zu zahn­losen Löwen.

Der Rest sind Medien, die in einer solchen Viel­falt kaum in einem anderen Land außer vielleicht den Vereinigten Staaten, aber selbst da mit einigen Aus­nahmen, zu finden wären.

Das Spektrum erstreckt sich u.a. von üblichen Astrologie-Zeit­schriften, über Dutzende Massen­zeit­schriften des „Burda Verlags“ die sich von Zeit­schriften dieses Verlags in anderen Ländern nur durch die Sprache unter­scheiden und dessen Inhalt trotzdem fragwürdig erscheint, bis zu den Zeit­schriften der Polizei und des Geheim­dienstes. Mit den letzteren sind nicht die üblichen Blätter gemeint, die ganz offiziell z. B. die Polizei vertreten, sondern jene Zeitungen, die nur solche Inhalte veröffentlichen, die ihnen im Auftrag von den genannten Stellen zur Verfügung gestellt werden.

In den Zwischenräumen befinden sich die unglaub­lichsten und primi­tivsten Medien, die man sich über­haupt vor­stellen kann und zu deren Be­schreibung es eines eigenen Artikel bedürfen würde.
    
Eines haben alle Medien in Serbien doch gemeinsam. Wenn ein Bürger etwas über aktuelle Ereignisse er­fahren will, muss er täglich zwischen 10 und 15 Zeitungen sowie 3 bis 5 Zeit­schriften lesen und ein Dutzend Fern­seh- und Rund­funk­sender  verfolgen. Das wir ihm vielleicht etwas Zer­streuung, aber nie eine seriöse, der Wahr­heit ver­pflichtete In­formation bringen.

Eigentlich müsste man zuletzt auch noch einige An­merkungen über eine in Zukunft vielleicht bessere Medien­land­schaft in Serbien machen. Den dafür not­wendigen Optimismus aber kann man kaum noch auf­bringen.