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März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Letzter Auftritt einer mutigen Reporterin

Aufständische entführen und töten eine bekannte irakische Journalistin, die aus ihrer Heimatstadt Samarra berichten wollte.

In ihrem letzten Auftritt trägt die Fernsehreporterin Atwar Bahjat ein
Kopftuch, ihre Augen sind geschminkt und blicken direkt in die Kamera. Der arabische Sender al-Arabija zeigte den Bericht seiner prominenten
Irak-Korrespondentin am Donnerstagmorgen. Da war die junge Frau schon tot.

Ihre Leiche wurde am Vormittag am Ortsrand von Samarra gefunden, jenem Ort, in dem am Tag zuvor Attentäter eine der heiligsten Stätten der schiitischen Moslems in die Luft gesprengt hatten. Atwar Bahjat war dort, um über Reaktionen auf das Ereignis zu berichten. Sie war eine der wenigen Frauen, die sich als Reporterinnen im Irak an die Front­linie wagten, wobei diese Front überall sein konnte, im Zentrum von Bagdad oder eben 125 Kilometer nördlich davon, in Samarra.

Man kann annehmen, dass der Auftrag, nach Samarra zu fahren, für die
26-Jährige besonders heikel war, denn Samarra war ihre Heimat­stadt. "Wir wollen die Reporterin", rief ein bewaffneter Mann und feuerte plötzlich aus einer Menschen­menge heraus in die Luft, während Atwar Bahjat in ihrem Übertragungswagen saß. Sie rief um Hilfe. Da packten Bewaffnete die Journa­listin, ihren Kamera­mann Adnan Khairallah und dessen Ton-Kollegen Khaled Mohsen. Sie zerrten sie aus dem Wagen, stießen sie in ein anderes Auto und brausten davon. So schildert es ein weiterer Mit­arbeiter von al-Arabija, der entkam. Sehr weit brachte man die Entführten nicht, wie der Fundort der drei Leichen später zeigte.
Atwar Bahjat war Sunnitin; schon das machte sie für ihre Angreifer offen­bar zur Feindin. Aber das ist nicht alles: Die Journa­listin wollte sich in dem Konflikt nicht auf eine Seite schlagen. "Sie liebte ihr Land, und sie starb wegen ihrer Unab­hängig­keit", sagte Ahmed al-Saleh, ein Kollege von al-Arabija. Erst jüngst war die Re­porterin zu diesem Satelliten­sender ge­wechselt. Er gilt als weniger reißerisch als der Kon­kurrent al-Dschasira, für den Atwar Bahjat zuvor gearbeitet hat. Acht Mit­arbeiter hat al-Arabija seit Beginn der US-geführten In­vasion im Jahr 2003 im Irak ver­loren, getötet von ameri­kanischen Truppen oder Auf­ständischen. 60 tote Journa­listen wurden seit Kriegs­beginn ins­gesamt im Irak gezählt.
Gleich im ersten Kriegs­jahr war Bahjats Name in den Medien auf­ge­taucht. Die mutige Frau war kurz­zeitig von US-Truppen fest­gesetzt worden, nachdem sie aus nächster Nähe über Bomben­an­griffe auf Bagdad be­richtet hatte.

Von Christiane Schlötzer ( Quelle: SZ, 24.2.2006 )