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Gespräch:
Netzwerker
Solidarität
statt Almosen: So hilft der Verein JhJ seit 10 Jahren Journalisten in
Not. Gründerin Christiane Schlötzer-Scotland über Ziele
und Probleme der ehrenamtlichen Arbeit.
Eva
Keller:
10 Jahre "Journalisten helfen Journalisten": Ist das ein trauriges
Jubiläum oder ein Grund, stolz auf Ihre Arbeit zurückzublicken?
Schlötzer-Scotland:
Es ist beides. Der Anlass für unsere Gründung war ein trauriger:
der Krieg in Jugoslawien, in dem Journalisten verletzt, getötet und
vertrieben wurden. Wir hatten damals das Gefühl, völlig hilflos
zuzuschauen. Schnelle, humanitäre Hilfe fehlte vollkom-men. In dieser
Hinsicht haben wir viel erreicht: Wir haben die Not vieler Journalisten
und ihrer Familien gelindert und das Be-wusstsein der Öffentlichkeit
für die Opfer geschärft. Die meisten Journalisten in Jugoslawien
waren nämlich keine Kriegsreporter, keine Draufgänger: Der Krieg
ist zu ihnen gekommen, weil sie in der Region lebten oder dort als Korrespondenten
arbeiteten.
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Gegen das Vergessen von Kriegsopfern zu kämpfen, war eine Gründungsidee
von JhJ. Wie wichtig ist sie heute noch, neben der Hilfe für die
Lebenden?
!
Das lässt sich kaum trennen. Am Schicksal eines Reporters hängt
das seiner Familie. Die Menschen spenden uns, weil sie sich bewusst sind,
dass nach dem Tod des Journalisten meist hilfsbedürftige Angehörige
zurückbleiben.
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Wo leisten Sie heute vor allem Hilfe?
!
Fast überall, wo Krieg herrscht, wir von Einzelschicksalen erfah-ren
und in der Lage sind, unmittelbare Not zu lindern: Algerien, Afghanistan,
Afrika. Aber auch aus dem Kosovo und aus Bosnien erreichen uns jetzt,
in der Nachkriegszeit, noch immer Briefe, eMails oder Anrufe.
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Helfen Sie allen Journalisten und abhängig von deren politischer
Haltung und Berichterstattung?
!
In der Regel sind und waren zum Beispiel in Jugoslawien immer jene Journalisten
gefährdet, die sich gegen den Krieg und gegen Nationalismus aussprachen.
Wir erkundigen uns schon, wer die Hilfe suchende Person ist, aber letztlich
kann man das nicht ge-nau überprüfen.
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Können Sie überhaupt allen helfen?
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Leider nicht, wir müssen die dringendsten Fälle auswählen.
Da geht es heute häufig um die Gesundheit, seltener darum, Menschen
aus einer Gefahr zu holen. Ein spektakulärer Fall war ein junger
Reporter aus Sarajevo, der eine neue Niere brauchte. Hier haben viele
zusammen geholfen, um eine Operation zu finanzieren.
Wir arbeiten immer wieder eng etwa mit "Reportern ohne Grenzen"
und der "Hamburger Stiftung für Verfolgte" zusammen.
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Wie erfahren Sie von Journalisten, die in Not sind?
!
Wir haben ein dichtes Netzwerk, auf das wir stolz sind. So er-reichen
uns Hilfegesuche, wir können Geld oder auch journa-listische Arbeitsmittel,
wie Computer, zu den Menschen bringen. Auch haben sich über dieses
Netz Menschen wiedergefunden, die sich in den Kriegswirren aus den Augen
verloren hatten. Zudem konnten wir dank unserer Kontakte einigen Journalisten
aus Kriegs- und Krisengebieten Arbeit vermitteln. In jüngster Zeit
fragen auch Kollegen in Deutschland an, die materiell in Not geraten sind.
Ihnen können wir leider nicht helfen, das erlaubt unsere Satzung
nicht, die unsere Hilfe auf Kriegs- und Krisenge-biete beschränkt.
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Veröffentlichen Sie auch Hilfeaufrufe und Projektberichte?
!
Manchmal. Aber wir wollen nicht unbedingt über JhJ schreiben, sondern
die betroffenen Journalisten selbst zu Wort kommen lassen. Einige deutsche
Medien haben sich da während der Jugoslawien-Kriege sehr solidarisch
gezeigt: Die Woche und
Die
Zeit etwa veröffentlichten lange Texte von Dragan Velikic aus
Belgrad und Mladen Vuksanovic aus Pale bei Sarajevo. Das Pale-Tagebuch
von Vuksanovic, ein beeindruckendes Dokument des Kriegsbeginns in Sarajevo,
haben wir in Deutschland als Buch veröffentlicht. Vuksanovic hat
uns einmal gesagt: "Wir konnten eure Hilfe nur akzeptieren, weil
sie von Kollegen kam." Und er meinte auch, "wäre bei euch
etwas passiert, dann hätten wir auch geholfen". Diese Sätze
bestätigen unseren Ansatz: Wir wissen, wie Journalisten arbeiten,
und wir wollen keine Almosen geben, sondern unsere Solidarität zeigen.
Aber eben nicht nur mit schönen Worten, sondern mit unbürokratischer,
direkter, kollegialer Hilfe.
Doppelter
Einsatz: JhJ-Gründerin Christiane Schlötzer-Scotland berichtet
heute für die SZ aus Istanbul.
INTERVIEW:
Eva Keller ist Journalistin in Frankfurt. eva.keller@web.de
MediumMagazin
3/2003
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