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Eine Verbeugung Zum Tod von Ryszard Kapuscinski In einer kleinen, 1923 erschienenen Buchrezension hat Joseph Roth einmal ein auch heute noch gültiges Motto für guten Journalismus verfasst: "Ein Journalist kann, er soll ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist Zeit- und nicht tagesgemäß". Der Journalist als 'Jahrhundertschriftsteller - ein großes, fast zu pathetisches Etikett, das man nur wenigen zeitgenössischen Publizisten zuerkennen möchte. Ryszard Kapuscinski, den langjährigen Auslandskorrespondenten polnischer Nachrichtenagenturen und Zeitschriften, wird man sicherlich zu diesem kleinen Kreis rechnen können. Für viele Journalisten war der polnische „Weltreporter“ ein Lehrer, dessen Reportagen die Maßstäbe setzten, an denen man seine eigenen Arbeiten messen konnte und musste. Die Reportagebände von Ryszard Kapuscinski liegen im Deutschen alle in einer ausgezeichneten Edition und kongenial übersetzt von Martin Pollack bei Eichborn vor. Jetzt, nach dem Tod von Kapuscinski, sollte man sich die Zeit nehmen, den einen oder anderen Band wieder zu lesen, vielleicht auch zum ersten Mal zur Kenntnis zu nehmen. Seine große Reportage über den historischen Fußballkrieg zwischen Honduras und Salvador im Jahre 1969 sollte zum Beispiel für Sportreporter und Auslandskorrespondenten eine Pflichtlektüre sein. Da findet man an einer Stelle ein merkwürdiges Innehalten des Chronisten. „Es wird höchste Zeit“, schreibt Kapuscinski scheinbar vollkommen unvermittelt in seiner Reportage, „ der Stille mehr Beachtung zu schenken.“. Der Stille? In einer Zeit, in der sich die Zahl der Fernsehprogramme fast täglich erhöht, Politiker während der Pressekonferenzen kaum noch hinter einem Wald von Mikrophonen zu erkennen sind, Reporter von einem schrillen Event zum anderen rasen, wo nur noch der gehört wird, dessen Lautsprecher alles und alle anderen übertönen, soll man sich als Produzent wie als Konsument medialer Botschaften mehr der Stille widmen? „Die Stille ist ein Vorbote des Unheils, oft sogar des Verbrechens. Sie ist ebenso ein politisches Instrument wie das Klirren der Waffen oder die Rhetorik auf einer Versammlung. Tyrannen und Okkupanten, die darauf bedacht sind, dass Schweigen ihr Werk umhüllt, brauchen diese Stille...Welche Stille alle Länder mit überfüllten Gefängnissen atmen! Die Stille hat ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse. Es ist ein Gebot der Stille, Konzentrationslager in menschenleeren Gegenden zu errichten. Die Stille verlangt einen großen Polizeiapparat. Sie verlangt ein Heer von Spitzeln. Die Stille fordert, dass Feinde der Stille plötzlich und spurlos verschwinden.“ Stille, klärt uns der weit gereiste Kapuscinski weiter auf, sei überall auf der Welt am häufigsten verbunden mit Worten wie Friedhof, Schlachtfeld, Verlies. Wo gefoltert wird, achten die Schergen zuerst immer auf schalldichte Räume. „Die Stille hätte es gerne, dass ihre Ruhe durch keine Stimme – der Klage des Protests, der Empörung – gestört wird. Wo eine solche Stimme erklingt, schlägt die Stille erbarmungslos zu und stellt die ursprüngliche Ordnung wieder her – das heißt den Zustand der Stille.“ Wer sich gegen den Lärm wehrt, will seine Nerven schonen, will endlich seine Ruhe haben. Berechtigt und verständlich ist das auch. Aber beim Kampf gegen die Stille geht es allzu oft auch um Menschenleben. Warum hören und lesen wir derzeit so wenig von Haiti, Turkmenistan, Birma, Kasachstan oder Zimbabwe. Es herrscht Stille in diesen Ländern. Den Jahresberichten von ‚amnesty international’, der „Reporter ohne Grenzen“, auch den Berichten mancher Kolleginnen und Kollegen, mit denen JHJ in Kontakt steht, kann man entnehmen, warum. Den Ryszard Kapuscinski gewidmeten Abschiedsworten seines Freundes und Übersetzers Martin Pollack können wir uns nur anschließen: er verdient mehr als eine simple Danksagung, nämlich eine Verbeugung. „In meiner Kindheit nannte man eine solche Verbeugung, Ausdruck der Dankbarkeit und Hochachtung, einen „Diener“. „Mach schön einen Diener!“, wies mich meine Großmutter an, wenn wir auf der Straße einem Bekannten begegneten, der in ihren Augen ordentlich gegrüßt zu werden verdiente. Sie war eine Frau, die viel auf das hielt, was man eine gute Kinderstube nannte, obwohl sie politisch und ideologisch die schlimmsten Ideen vertrat, doch das ist wieder eine andere Geschichte. In der Zwischenzeit wurde der „Diener“, die höfliche Verbeugung, längst abgeschafft, die Generation meines Sohnes kann sich das Lachen kaum verkneifen, wenn sie das Wort hört (falls sie überhaupt noch wissen, was das bedeutet). Wahrscheinlich ist das Verschwinden des „Dieners“ ein Fortschritt, obwohl ich da so meine Zweifel hege, weshalb ich den Fortschritt einmal vergessen und vor Ryszard eine ganz altmodische Verbeugung machen will.“ Carl Wilhelm Macke |
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