August 2008:
Netzwerk der Helfer (pdf-Datei)

Oktober 2007:
Zum 100. Geburtstag von Varian Fry

August 2007:
Tunnelblick im Feuilleton (pdf)

Mai 2007:
Es herrscht Ruhe im Land

Januar 2007:
Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

Oktober 2006:
Civil Globalisation

Juni 2006:
Erinnerung an Ilaria Alpi

Februar 2006:
Sie liebte ihr Land

November 2005:
Tränen der Freude (pdf-Datei)

März 2005:
Hilfeschreie (pdf-Datei)

Dezember 2004:
Eine verwüstete Landschaft

September 2004:
El veneno de la habituacion (pdf-Datei)

Pressemitteilung
Januar 2004:
Leipziger Medienpreis 2004

Dezember 2003:
Preis für Toleranz

August 2003:
Unabhängiger Journalismus im Irak

Juli 2003:
Der Krieg nach dem Krieg

April 2003:
Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Eine Verbeugung

Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

In einer kleinen, 1923 erschienenen Buchrezension hat Joseph Roth einmal ein auch heute noch gültiges Motto für guten Journalismus verfasst: "Ein Journalist kann, er soll ein Jahr­hundert­schrift­steller sein. Die echte Aktualität ist kei­nes­wegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist Zeit- und nicht tagesge­mäß". Der Journalist als 'Jahr­hundert­schrift­steller - ein großes, fast zu pathetisches Etikett, das man nur wenigen zeitgenössi­schen Publizisten zuerkennen möchte. Ryszard Kapuscinski, den lang­jährigen Auslands­korrespondenten pol­nischer Nachrichten­agenturen und Zeit­schriften, wird man si­cherlich zu diesem kleinen Kreis rechnen können.  Für viele Journa­listen war der pol­nische „Welt­reporter“ ein Lehrer, dessen Reportagen die Maßstäbe setzten, an denen man seine eigenen Arbeiten messen konnte und musste. Die Reportagebände von Ryszard Kapuscinski liegen im Deutschen alle in einer aus­gezeichne­ten Edition und kongenial übersetzt von Martin Pollack bei Eichborn vor. Jetzt, nach dem Tod von Kapuscinski, sollte man sich die Zeit nehmen, den einen oder anderen Band wieder zu lesen, vielleicht auch zum ersten Mal zur Kenntnis zu nehmen. Seine  große Reportage  über den historischen Fußballkrieg zwischen Honduras und Salvador im Jahre 1969 sollte zum Beispiel für  Sportreporter und Auslands­korrespondenten eine Pflicht­lektüre sein.  Da findet man an einer Stelle ein merkwürdiges Innehalten des Chronisten.  „Es wird höchste Zeit“, schreibt Kapuscinski scheinbar voll­kommen un­ver­mittelt in seiner Repor­tage, „ der Stille mehr Beachtung zu schenken.“. Der Stille? In einer Zeit, in der sich die Zahl der Fernseh­programme fast täglich erhöht, Politiker während der Presse­kon­ferenzen kaum noch hinter einem Wald von Mikro­phonen zu erkennen sind, Reporter von einem schrillen Event zum anderen rasen, wo nur noch der gehört wird, dessen Laut­sprecher alles und alle anderen übertönen, soll  man sich als Produzent wie als Konsument  medialer Botschaften mehr der  Stille widmen?  „Die Stille ist ein Vorbote des Unheils, oft sogar des Verbrechens. Sie ist ebenso  ein politisches Instrument wie das Klirren der Waffen oder die Rhetorik auf einer Versammlung. Tyrannen und Okkupanten, die darauf bedacht sind, dass Schweigen ihr Werk umhüllt, brauchen diese Stille...Welche Stille alle Länder mit überfüllten Gefängnissen atmen! Die Stille hat ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse. Es ist ein Gebot der Stille, Konzentrations­lager in menschen­leeren Gegenden zu errichten. Die Stille verlangt einen großen Polizei­apparat. Sie verlangt ein Heer von Spitzeln. Die Stille fordert, dass Feinde der Stille plötzlich und spurlos verschwinden.“ Stille, klärt uns der weit gereiste Kapuscinski weiter auf, sei überall auf der Welt am häufigsten verbunden mit Worten wie Fried­hof, Schlacht­feld, Verlies.  Wo gefoltert wird, achten die Schergen zuerst immer auf schall­dichte Räume. „Die Stille hätte es gerne, dass ihre Ruhe durch keine Stimme – der Klage des Protests, der Empörung – gestört wird. Wo eine solche Stimme erklingt, schlägt die Stille erbarmungs­los zu und stellt die ursprüngliche Ordnung wieder her – das heißt den Zustand der Stille.“ Wer sich gegen den Lärm wehrt, will seine Nerven schonen, will endlich seine Ruhe haben. Berechtigt und verständlich ist das auch. Aber beim Kampf gegen die Stille geht es allzu oft auch um Menschen­leben.  Warum hören und lesen wir derzeit so wenig von Haiti,  Turkmenistan,  Birma,  Kasachstan oder Zimbabwe. Es herrscht Stille in diesen Ländern. Den Jahres­berichten von ‚amnesty international’, der „Reporter ohne Grenzen“, auch den Berichten mancher Kolleginnen und Kollegen, mit denen JHJ in Kontakt steht, kann man entnehmen, warum. 

Den Ryszard Kapuscinski gewidmeten Abschieds­worten seines Freundes und Übersetzers Martin Pollack können wir uns nur anschließen: er verdient mehr als eine simple Dank­sagung, nämlich eine Verbeugung. „In meiner Kind­heit nannte man eine solche Verbeugung, Aus­druck der Dank­barkeit und Hoch­achtung, einen „Diener“. „Mach schön einen Diener!“, wies mich meine Großmutter an, wenn wir auf der Straße einem Bekannten begegneten, der in ihren Augen ordentlich gegrüßt zu werden verdiente. Sie war eine Frau, die viel auf das hielt, was man eine gute Kinder­stube nannte, obwohl sie politisch und ideologisch die schlimmsten Ideen vertrat, doch das ist wieder eine andere Geschichte. In der Zwischenzeit wurde der „Diener“, die höfliche Verbeugung, längst ab­geschafft, die Generation meines Sohnes kann sich das Lachen kaum verkneifen, wenn sie das Wort hört (falls sie überhaupt noch wissen, was das bedeutet). Wahrscheinlich ist das Verschwinden des „Dieners“ ein Fort­schritt, obwohl ich da so meine Zweifel hege, weshalb ich den Fort­schritt einmal vergessen und vor Ryszard eine ganz alt­modische Verbeugung machen will.“

Carl Wilhelm Macke