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Netzwerk der Helfer (pdf-Datei)

Oktober 2007:
Zum 100. Geburtstag von Varian Fry

August 2007:
Tunnelblick im Feuilleton (pdf)

Mai 2007:
Es herrscht Ruhe im Land

Januar 2007:
Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

Oktober 2006:
Civil Globalisation

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November 2005:
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März 2005:
Hilfeschreie (pdf-Datei)

Dezember 2004:
Eine verwüstete Landschaft

September 2004:
El veneno de la habituacion (pdf-Datei)

Pressemitteilung
Januar 2004:
Leipziger Medienpreis 2004

Dezember 2003:
Preis für Toleranz

August 2003:
Unabhängiger Journalismus im Irak

Juli 2003:
Der Krieg nach dem Krieg

April 2003:
Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Der Krieg nach dem Krieg

Seit zehn Jahren unterstützt der Verein "Journalisten helfen Journa­listen" Kollegen in Krisen­gebieten

Thomas Schuler

Neulich erreichte die Journa­listin Christiane Schlötzer-Scotland ein Anruf aus Bagdad. Peter Münch, einer der Auslands­chefs der Süd­deutschen Zeitung (SZ), rief per Satelliten­telefon an und sagte, er sitze gerade mit einigen Irakern zusammen, die eine Zeitung gegründet hätten. Sie erscheine auf Arabisch und Englisch und heiße al-Muajaha, The Iraqui Witness. Die 16 Journa­listen sind so unab­hängig, dass sie - im Unterschied zu anderen Neu­gründungen - lieber ohne Lohn arbeiten, als sich von poli­tischen Parteien oder den Amerikanern be­zahlen zu lassen. "Können wir ihnen helfen?", fragte Münch. Darauf die Journalistin: "Wie viel Geld hast du noch?" Er hatte 900 Dollar übrig. "Lass ihnen alles da", sagte sie. "Du kriegst es wieder." Münch und Schlötzer-Scotland, die für die SZ aus Istanbul berichtet, sind beide Mit­glieder des Vereins "Journa­listen helfen Journa­listen". Am Freitag feierten sie mit weiteren Mit­gliedern in München das zehn­jährige Bestehen der Hilfs­organisation.

Von Algerien bis Weißrussland

Die Hilfe des Vereins "Journalisten helfen Journalisten" ist spontan,
schnell und unbüro­kratisch. Er unter­stützt bedrohte Kollegen bei der Flucht aus Krisen­regionen, jüngst aus Afghanistan, Iran und Tadschikis­tan. Er gibt Kleider und Lebens­mittel. Er versorgt Journa­listen, die keinen Arbeits­platz mehr haben, mit Computern und Kontakten im Ausland und ver­mittelt Auf­träge deutscher Publi­kationen, medizi­nische Ein­griffe und Paten­schaften für Waisen­kinder von Medien­schaffenden. Allein damit ein einziger kranker Radio­journalist aus Bosnien eine gesunde Niere eingesetzt bekam, hat der Verein einmal 100 000 Mark gesammelt. Mehr als 400 000 Euro hat der Verein bislang ins­gesamt auf­gebracht und damit mehr als 200 Bedürftigen geholfen - anfangs nur in Ex-Jugoslawien, dann auch in Algerien, Weißruss­land und in der Türkei.

Dank des Netzwerks im Ausland kommen von 100 Euro, die gespendet werden, auch 100 Euro in den Krisen­regionen an, weil die Mit­glieder das Geld persön­lich ver­teilen, sagt Roman Arens, der Vorsitzende des Vereins. Anders würde die Hilfe auch gar nicht funktio­nieren. Geld über­gibt der Kollege, der zur Recherche dort­hin fährt. Während des Bombarde­ments von Serbien hatte der Verein Geld im Safe der ARD in Belgrad bereit­liegen, um es jeder­zeit rasch ver­teilen zu können.

900 Dollar mögen nicht allzu viel sein in einem Land, dem es an vielem
fehlt. Aber Geld ist nur die eine Seite. In zahl­losen Fällen habe der Verein "pragmatische Hilfe geleistet, aber auch ganz einfach deutlich gemacht, dass diese Betroffenen mit ihrem Schick­sal nicht alleine sind und nicht alleine gelassen werden", würdigt Außen­minister Joschka Fischer die Arbeit des Vereins. Es wird zudem nicht bei 900 Dollar für den Irak bleiben; der Verein sammelt speziell für die Presse­freiheit in dem Land und will Ähnliches erreichen wie in Bosnien. Dort hat mit seiner Hilfe die Zeit­schrift Start überlebt - und neulich gar einen Preis von Amnesty International bekommen.

Erstmals 1977 begann eine Gruppe von Münchner Journa­listen, sich im Stile von Amnesty in Briefen für die Frei­lassung in­haftierter Jour­nalisten in Krisen­regionen einzu­setzen. Die Gruppe nannte sich "Journa­listen helfen Journa­listen", und dieser Kreis gründete 1993 den Verein gleichen Namens. Als einen "Auftrag der Ver­zweiflung" bezeichnete Schlötzer-Scotland einmal dessen Arbeit. Die Kriegs­maschinerie zieht weiter zu einem neuen Konflikt; zurück bleiben Verwundete, Kranke, Witwen und Waisen. Die schlimmste Zeit ist die Zeit nach dem Krieg, wenn sich Hilfs­organisationen abwenden.
Der Verein verdankt seine Gründung selbst einem tragischen Ereignis. Am 26. Juli 1991 hatte ein Heckenschütze Egon Scotland, einen Reporter der Süd­deutschen Zeitung, in Kroatien erschossen. Er war der erste Reporter, der in diesem Krieg ermordet wurde, weil er als Presse zu identi­fizieren war. Plötzlich war der Krieg in Jugoslawien ganz nah. Scotlands Witwe wollte am ersten Jahres­tag seiner Ermordung nicht alleine zu Hause sitzen und so versammelten sich 15 Freunde in ihrer Wohnung. "Wir heulten und tranken und heulten und tranken", erinnert sie sich. Roman Arens, der heute für die Frank­furter Rund­schau aus Rom berichtet, kramte damals einen Brief des Verlegers Nenad Popovic aus Zagreb hervor. Er schrieb von einem 29-jährigen Radio­reporter. Freunde hatten den Schwer­verwundeten nach Wien geflogen. Dort
starb der Kroate. Seine Familie blieb ohne Unter­stützung zurück.

Junge Kollegen fehlen

Die 15 Kollegen beschlossen, sich um die Vergessenen zu kümmern. Heute sind 108 Mitglieder über ganz Europa verstreut. Was fehlt, sind jüngere Journa­listen, die sich engagieren wollen, sagt Helga Montag vom Bayerischen Rundfunk. Und natürlich Geld. Die Mit­glieder sind es zwar gewohnt, ihre Kontakte zu vermögenden Leuten zu nutzen und zu betteln. Nach einem Essen mit einem Banker liegen dann schon mal 1 000 Euro unter dem Teller. Spenden reichen von 20 bis 10 000 Euro. Doch während die Spenden­bereit­schaft während eines Krieges hoch sei, sei das Auf­kommen momentan "deutlich rückläufig", sagt Carl Wilhelm Macke, der in München die Geschäfte koordiniert.
Wolfgang Langen­bucher, Journalismus-Professor aus Wien, sprach auf der Feier am Freitag die Kritik an dem Verein an, Journa­listen würden ihre publi­zistische Macht für eigene Zwecke einsetzen. Schlimmer wäre es, sagte er, wenn Journa­listen aus­gerechnet über die Gefährdung und die Folgen der Angriffe auf Kollegen nicht berichten würden. Den Gästen erzählte Christiane Schlötzer-Scotland, deren Mann auf dem Balkan umkam, eine Zeit lang habe sie die Sprache der Kroaten nicht mehr hören wollen, aber mittlerweile höre sie den schönen Klang wieder mit Freude.

( Quelle: "Berliner Zeitung", 28.Juli 2003)