August 2008:
Netzwerk der Helfer (pdf-Datei)

Oktober 2007:
Zum 100. Geburtstag von Varian Fry

August 2007:
Tunnelblick im Feuilleton (pdf)

Mai 2007:
Es herrscht Ruhe im Land

Januar 2007:
Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

Oktober 2006:
Civil Globalisation

Juni 2006:
Erinnerung an Ilaria Alpi

Februar 2006:
Sie liebte ihr Land

November 2005:
Tränen der Freude (pdf-Datei)

März 2005:
Hilfeschreie (pdf-Datei)

Dezember 2004:
Eine verwüstete Landschaft

September 2004:
El veneno de la habituacion (pdf-Datei)

Pressemitteilung
Januar 2004:
Leipziger Medienpreis 2004

Dezember 2003:
Preis für Toleranz

August 2003:
Unabhängiger Journalismus im Irak

Juli 2003:
Der Krieg nach dem Krieg

April 2003:
Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Es herrscht Ruhe im Land

Zum 3. Mai, dem "Tag der Presse- und Meinungsfreiheit"

Unsere Welt ist zu leise. Warum zögern immer mehr Menschen Krach zu schlagen,  zu Lärmen, auf die Pauke zu hauen, not­falls zu schreien?  Alles sehnt sich nach Gemütlich­keit, Rückzug vor dem Krach da draußen in der Welt. "Ruhe, Stille, Sofa und eine Tasse Tee geht über alles“ (Theodor Fontane).  Gelobt wird das Kind, wenn es „still ist.“ Getadelt wird es, wenn es lärmt.  Musik zum Meditieren und ‚relaxen’ steht ganz oben auf den Listen der meist­verkauften CD’s. Stille ist ‚in’. Lärm ist ‚out’.  Schlag­bäume gibt es nicht mehr an unseren euro­päischen Grenzen.  Dafür scheinen unsere Länder immer mehr Hotel­zimmern zu ähneln, an deren Türen jene kleinen Papier­schilder ange­bracht sind, die vor dem Eintritt warnen: „Bitte nicht stören“.

In seiner großen Reportage über den his­torischen „Fußball­krieg“ zwischen Honduras und Salvador im Jahre 1969 unterbricht der vor kurzem verstorbene polnische Jour­nalist Ryszard Kapuściński an einer Stelle seine Chronik .  „Es wird höchste Zeit“, schreibt Kapuscinski schein­bar voll­kommen un­ver­mittelt in seiner Reportage, „der Stille mehr Beachtung zu schenken... Die Geschichten­schreiber schenken den so genannten lauten Momenten zu viel Aufmerksamkeit, während sie Perioden der Stille vernachlässigen“.  Wie bitte, - der Stille? In einer Zeit, in der sich die Zahl der Fernseh­programme fast täglich erhöht, Politiker während der Presse­konferenzen kaum noch hinter einem Wald von Mikro­phonen zu erkennen sind, Reporter von einem schrillen Event zum anderen rasen, wo nur noch der gehört wird, dessen Laut­sprecher alles und alle anderen übertönen, soll  man sich als Produzent wie als Konsument  medialer Bot­schaften mehr der  Stille widmen?  „Die Stille ist ein Vorbote des Unheils, oft sogar des Ver­brechens. Sie ist ebenso  ein politisches Instru­ment wie das Klirren der Waffen oder die Rhetorik auf einer Versammlung. Tyrannen und Okkupanten, die darauf bedacht sind, dass Schweigen ihr Werk umhüllt, brauchen diese Stille... Welche Stille alle Länder mit überfüllten Gefängnissen atmen! Die Stille hat ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse. Es ist ein Gebot der Stille, Kon­zen­trations­lager in menschen­leeren Gegenden zu er­richten. Die Stille ver­langt einen großen Polizei­apparat. Sie verlangt ein Heer von Spitzeln. Die Stille fordert, dass Feinde der Stille plötzlich und spurlos ver­schwinden.  Stille, klärt uns der weit gereiste Kapuscinski weiter auf, sei über­all auf der Welt am häufigsten verbunden mit Worten wie Fried­hof, Schlacht­feld, Verlies... Wo gefoltert wird, achten die Schergen zuerst immer auf schall­dichte Räume. „Die Stille hätte es gerne, dass ihre Ruhe durch keine Stimme – der Klage des Protests, der Empörung – gestört wird. Wo eine solche Stimme erklingt, schlägt die Stille erbarmungs­los zu und stellt die ursprüngliche Ordnung wieder her – das heißt den Zustand der Stille.“  Wer sich gegen den Lärm wehrt, will seine Nerven schonen, will endlich seine Ruhe haben. Warum nicht?! Es gibt kein Menschen­recht auf Stille, aber vielleicht ein Menschen­bedürfnis.  Doch zu viel Stille ist auch verdächtig, lässt böses ahnen. Eltern wissen, dass die Stille im Kinder­zimmer nicht nur Gutes verheißt.  „Sie eilen hin, um einzu­schreiten, denn sie spüren, dass Böses in der Luft liegt“ (Kapuściński). Warum hören und lesen wir derzeit so wenig von Haiti,  Burundi,  Birma,  Guatemala, Zimbabwe, Usbekistan oder Bangladesh? Es herrscht Stille in diesen Ländern. Den Jahres­berichten von ‚amnesty inter­national’, den „Reportern ohne Grenzen“ oder „Human Rights Watch“ kann man entnehmen, warum.  Es gibt aber auch weniger spektakuläre „stille“ Fälle,  von denen man nichts hört.  Zum Beispiel die peruanische  Journalistin Marilu Gambini, die zusammen mit ihrer Tochter unter­tauchen muss, weil ihr mehrere Todes­drohungen zuge­gangen sind. Sie hat im Fernsehen ein Schweige­kartell zwischen Politikern und Drogen­bossen in ihrem Land angeklagt.  Oder Jean Bosco Gasasira aus Ruanda,  der es gewagt hat, über Korruption und Vettern­wirt­schaft der Regierung zu recherchieren.  Er wurde  zusammen­geschlagen und mußte lange Zeit im Kranken­haus verbringen.  Oder der äthiopische Journalist Zelalem Gebre. Zelalem, der nach Nairobi/ Kenia fliehen musste, um einer drohenden Todes­strafe  als „Vaterlands­verräter“ zu entgehen, weil er als Chef­redakteur einer opposi­tionellen Tages­zeitung die Militär­politik seiner Regierung kriti­siert hat.

Am 3.Mai, den die UN seit einigen Jahren als  „Tag der Presse­freiheit“ deklariert, wird vielleicht für 24 Stunden  an jene Länder erinnert, in denen das für uns in Europa selbst­verständliche Menschen­recht freier Meinungs­äußerung nicht, noch nicht oder nicht mehr existiert.  Einige laute Worte werden – vielleicht – an diesem Tag zu hören sein. Die diversen Vereinigungen zum Schutz der Menschen­rechte werden Presse­erklärungen an die Redaktionen, an die Staats­kanzleien und die Parla­mente ver­schicken. Dann aber, einen Tag später, können wir wieder  in Ruhe unseren Tee am Sofa genießen. „Stille wie des Todes Schweigen, liegt überm ganzen Hause schwer“ (Schiller)

Carl Wilhelm Macke