August 2008:
Netzwerk der Helfer (pdf-Datei)

Oktober 2007:
Zum 100. Geburtstag von Varian Fry

August 2007:
Tunnelblick im Feuilleton (pdf)

Mai 2007:
Es herrscht Ruhe im Land

Januar 2007:
Zum Tod von Ryszard Kapuscinski

Oktober 2006:
Civil Globalisation

Juni 2006:
Erinnerung an Ilaria Alpi

Februar 2006:
Sie liebte ihr Land

November 2005:
Tränen der Freude (pdf-Datei)

März 2005:
Hilfeschreie (pdf-Datei)

Dezember 2004:
Eine verwüstete Landschaft

September 2004:
El veneno de la habituacion (pdf-Datei)

Pressemitteilung
Januar 2004:
Leipziger Medienpreis 2004

Dezember 2003:
Preis für Toleranz

August 2003:
Unabhängiger Journalismus im Irak

Juli 2003:
Der Krieg nach dem Krieg

April 2003:
Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

März 2003:
Gespräch mit Christiane Schlötzer-Scotland

März 2003:
Zehn Jahre JhJ

Es gibt Wege

Zum 100. Geburtstag und 40. Todestag von Varian Fry

Marseille, August 1940. In einem Zimmer des Hotel Splendide, unweit des Hafens. Hans Sahl, der vor den Nazis ins französische Exil ge­flüchtete deutsche Schrift­steller, steht Varian Fry gegenüber, der im Auftrag des "American Emergency Rescue Committees" ver­suchen soll, möglichst vielen antifaschistischen Flücht­lingen zu helfen. Hans Sahl erhält von Fry einige Geld­scheine zum Über­leben. "Wenn Sie mehr brauchen, kommen sie wieder. Inzwischen werde ich Ihren Namen nach Washington kabeln. Wir werden Sie heraus­bringen. Es gibt Wege, Sie werden sehen, Oh, there are ways". "Er goss mir", schreibt Sahl in seinen Lebens­erinnerungen weiter, "ein Glas Whisky ein. Übrigens brauchen Sie einen neuen Anzug. Sie können nicht mehr so herum­laufen. Wir werden Ihnen morgen einen hübschen Sommer­anzug kaufen." Sahl war nur einer von Tausenden, denen das amerikanische "Rescue Committee" zur Flucht aus dem vom Faschismus ver­seuchten Europa der dreißiger, vierziger Jahre des vergangenen Jahr­hunderts verholfen hat. Erwähnen könnte man noch Max Ernst, Heinrich Mann, Franz Werfel, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Siegfried Kracauer, Annette Kolb oder Anna Seghers. Diesem Hilfs­netz­werk, besonders aber seinem europäischen ‚Bot­schafter’ Varian Fry, verdankt die nach dem Ende von Faschismus und Krieg lang­sam wachsende demo­kratische, welt­offene Kul­tur der Deutschen viel.

In diesem Jahr jährt sich der 40. Todes­tag von Varian Fry
(und gleichzeitig auch sein 100. Geburtstag am 15. Oktober). Nicht nur diese bio­graphischen Daten sind ein Grund, an ihn zu erinnern. Vor und nach seinem Engage­ment für das "Rescue Committee" verlief sein Leben wenig spektakulär. Dass man in Amerika für seine beispiel­hafte Rettungs­arbeit jeden­falls zu Leb­zeiten mit undank­barem Des­interesse be­gegnete, sollte nicht ver­schwiegen werden. Mit seiner Person ver­bindet sich auch der Glanz und das Elend ameri­kanischer Menschen­rechts­politik.

Fry stammte aus einem wohl­habenden Eltern­haus in New York. Studierte Kunst- und Politik­wissen­schaft. Arbeitete als Redakteur bei ver­schiedenen Maga­zinen. Nach dem Krieg produzierte er belang­lose Filme für das Fernsehen und unter­richtete Latein an einer Schule. Für einen kurzen Ab­schnitt seines Lebens hatte er aber genau be­griffen, was zu tun ist, wenn ein dikta­torisches Regime und eine rassistische Ideo­logie sämtliche humanen Werte zerstört. Man muß dann versuchen, möglichst viele Gegner dieses Regimes zu retten - koste es was es wolle. "Ich verließ Amerika, die Taschen voll­gestopft mit den Listen der Namen von Männern und Frauen, die ich retten mußte" ( Varian Fry). "Aus­lieferung auf Verlangen" (Ffm. 1997), sein Bericht über diese vor­bildliche Rettungs­aktion des europäischen Geistes, ist ein Schlüssel­dokument für eine demokratische ‚Leit­kultur’ jenseits aller nationalen oder regionalen Bekenntnis­rituale. Die offizielle amerikanische Politik hat jedoch bei diesen ‚anti­faschistischen Befreiungs­aktionen’ eine mehr blamable Rolle gespielt. In offener oder geheimer Kolla­boration mit dem Vich-Regime haben die US-Behörden versucht, die Aktionen von Fry und dem "Emergency Rescue Comittee" zu unter­binden oder zu behindern. Nach nur 13 Monaten intensiver Hilfs­aktionen wurde Fry durch einen Hinweis der US-Botschaft von der französischen Polizei fest­genommen und in die USA abge­schoben. "Er hat Dinge getan, die die amerikanische Regierung nicht glaubt billigen zu koennen", so schrieb es Präsidenten­gattin Eleanor Roosevelt an Mrs. Fry. Bis zu seinem Tod am 13. September 1967 hat Fry sich mit diversen schlecht bezahlten Jobs durch­geschlagen.

Varian Fry today

Tradition, so hat es der mit dem "American Emergency Rescue Committee" eng verbundene Thomas Mann einmal formuliert, das sei das Folgen eines Beispiels auf eine eigene Art. In der Tradition jener legendären amerikanischen Initiativen stehen im heutigen Deutschland etwa die ‚Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte’ , das PEN-Zentrum, die deutschen Gruppen von ‚amnesty international’, die Organisation "Reporter ohne Grenzen" und eine erfreuliche Anzahl kleinerer Stiftungen, die auf unterschiedliche Art und ausgestattet mit sehr verschiedenen materiellen Ressourcen Opfern willkürlicher Gewalt zu unterstützen suchen. Aber neben ihren Besonderheiten verbindet die genannten Initiativen auch eine gemeinsame Erbschaft: aus der bleibenden Erinnerung an die antinazistische Solidaritätsarbeit gestern Anstöße für eine Solidaritätsarbeit heute unter historisch vollkommen anderen Bedingungen zu gewinnen.
Weder beschwören diese Gruppen und Initiativen ständig die Verpflichtung aus der jüngeren deutschen Vergangenheit noch sind sie in den lauten ‚Kampfzonen’ der sog. ‚Globalisierungsgegner’ zu finden. Sie eint vielmehr die Idee, einer einzig an ökonomischer Effizienz (und Profitabilität) ausgerichteten Globalisierung die Werte und Zielsetzungen einer "Civil Globalisation" entgegenzusetzen. Und so ist Varian Fry, obwohl in den öffentlichen Debatten kaum noch präsent, in den Netzwerken der ‚Civil Globalisation’ immer noch als ein Vorbild lebendig. An der Arbeit des ‚American Emergency Rescue Committees’ während der faschistischen Jahre in Europa kann man sich orientieren, um heute weltweit Intellektuellen und Journalisten in verzweifelten Situationen politischer Verfolgung und Todesdrohungen zu helfen. Oh, there are ways, you know...

Carl Wilhelm Macke