Wie kleine Hilfe Großes bewirkt

Klar, die Arbeit als Auslandsredakteurin bei der Süddeutschen Zeitung ist ein toller Job. Aber irgendwann will ich es genauer wissen. Was passiert mit den Menschen in Afrika, über die ich berichte. Überleben sie? Bekommen sie Schwierigkeiten, weil sie mit einer ausländischen Journalistin gesprochen haben? Können sie das Geld zusammenkratzen, um ihre Kinder in die Schule zu schicken?


Und dann sehe ich plötzlich eine Stellenanzeige einer deutschen Hilfsorganisation. Sie sucht jemanden, der/die in der ostkongolesischen Millionenstadt junge Leute ausbildet. Sie sollen später in einer Pressestelle arbeiten, die Spender überzeugt, Geld für die meist weiblichen Opfer sexualisierter Gewalt zu geben. Ich kündige nach zehn Jahren bei der SZ und ziehe 2011 nach Goma um. Ich ziehe quasi in den Krieg.
Seit mehr als drei Jahrzehnten töten, plündern und vergewaltigen mehr als 400 Milizen im Ostkongo. Es geht um den Zugang zu Land, Wasser und Holz, um nationale Identität – und um Bodenschätze wie Gold, Coltan, Kassiterit und vieles mehr. Rohstoffe, die in unseren Handys und Herzschrittmachern, in unseren Computern und Elektroautos stecken. Überall auf der Welt bereitet der Stoff aus dem Kongo den Menschen ein angenehmes Leben, nur nicht im Kongo selbst. Dort sterben Frauen, Kinder und Männer wegen dieser Rohstoffe.


Auch Journalistinnen und Journalisten sterben, mal ermordet von Banditen, mal gefoltert vom Geheimdienst, mal werden sie entführt, mal ausgeraubt. Wir, JHJ, helfen im Kleinen, was den Kolleginnen und Kollegen im Kongo Großes bedeutet. Wir bezahlen Laptops und Handys, die von Soldaten gestohlen wurden, was den Journalisten die Arbeitsgrundlage entzieht. Wir bezahlen medizinische Behandlungen nach Unfällen, die auf den schlechten Pisten oft passieren. So können die Kolleginnen und Kollegen weiterarbeiten, ohne gehbehindert zu werden. Wir bezahlen psychische Betreuung nach Folter. Wir können meistens nur ein paar Hundert Euro geben. Diese „paar Hundert“ sichern die Ernährungsgrundlage für ganze Familien.


Ich bilde Journalistinnen und Journalisten aus. Ich bringe ihnen fachliches Wissen bei. Wie recherchiere ich? Wie stelle ich ein Aufnahmegerät ein? Wer ist eine unabhängige Quelle? Wie nutze ich künstliche Intelligenz im Journalismus ohne mich der Technik auszuliefern? Das Team erhält 2022 den Preis für Meinungs- und Pressefreiheit der Palm-Stiftung in Schorndorf. Toll, was ich den jungen Leuten beigebracht habe!


Wirklich?
Tatsächlich bilden meine jungen Kolleginnen und Kollegen mich aus. Wie geht Leben? Wie steht man immer wieder auf, selbst wenn die Lage aussichtslos erscheint? Jammern? – undenkbar! Lebe, lache, hilf dem anderen, so gut es geht!
Ich habe gelernt. Ich bin dankbar. Deswegen habe ich über diese mutigen Menschen ein Buch geschrieben. „
Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht“  führt in einen Kongo jenseits des Klischees, brutal ja, aber auch bunt, vor allem aber warm.

Judith Raupp