Radko Mladić Foto: Shutterstock

Ein lang erwarteter Nachruf

Ratko Mladić, das Völkerrecht und journalistische Betroffenheit

von THOMAS MORAWSKI


Journalisten haben ja gerne die berühmt-berüchtigten XY-Listen, die vorausschauend geschriebenen Nachrufe für Prominente aller Art, für den Fall ihres plötzlichen Ablebens. Wir oft hatte ich den Nachruf für Ratko Mladić geschrieben, immer wieder aktualisiert. Mal wurde der Text vorab als ARD-Brennpunkt versendet, mal zum Mosaiksteinchen für Berichte über die aktuelle Situation in Bosnien. Und wie oft wurde der Nachruf wieder abgelegt. Ratko Mladić war lange Zeit einfach nicht zu fassen. Er tauchte auf und wieder unter. Und wurde so ein ganz spezifischer Wegbegleiter.
Wie oft war man ihm auf den Spuren, die immer wieder sichtbar wurden, in den zahlreichen Bunkeranlagen aus jugoslawischer Zeit, wo man fast unbegrenzt und mitten in der Hauptstadt einigermaßen unbeschwert leben konnte. Wenn ihm jemand zu nah auf den Fersen war, Wachsoldaten etwa, dann büßten sie es mit ihrem Leben. Ermittelt wurde nie, man wusste genau, wer für sowas zuständig war.
Immer wieder tauchten Bilder auf, wie er inmitten seiner Gefolgsleute tanzt, mit ehemaligen Soldaten trinkt, und irgendwo in Serbien oder der Republika Srpska, der serbisch-bosnischen Republik, ein offenbar fröhliches Leben führte.
Mladić gelang es, sich jahrelang vor den Fahndern zu verstecken. Ein Video zeigte, dass er bei den bosnischen Serben in dieser Zeit immer noch von Sympathie und Heldenverehrung getragen wurde. Internationale Truppen waren ihm mehrfach auf den Fersen. 1995 stand die Anklage. Die Unterstützung alter Kader aus der Bosnienzeit machte es ihm bis Mai 2011 möglich, die Welt weiter an der Nase herumzuführen. Dann wurde er gefasst und nach Den Haag ausgeliefert. Vor Gericht berief er sich immer wieder auf internationale Absprachen zur Aufteilung Bosniens, weswegen er unschuldig sei.
Als Kommandeur der bosnisch-serbischen Armee war er verantwortlich für die kompromisslose Militärstrategie, die nur eines kannte: Durchsetzung der nationalistischen Ansprüche mit allen Mitteln, auch gegen die Vereinten Nationen und ihre Friedenstruppen. UN-Blauhelme ließ er festhalten, vor ihren Augen geschah das Massaker von Srebrenica, ein Völkermord.
Am 11. Juli 1995 ließ Mladić im bosnischen Srebrenica über 8000 muslimische Männer kaltblütig töten. Internationale Experten finden später 21 Massengräber, in denen die Männer aus Srebrenica begraben sind. Später wird man den Eindruck gewinnen, dass das ganze Land ein einziges Massengrab ist. Unvergessen ist ein Video, das Geschichte schrieb. Angehörige der serbischen Spezialeinheit Skorpione stehen in der Nähe von Srebrenica. Sie rauchen, sie lachen, sie fluchen, sie schießen. Einige Opfer leben noch, aber werden bereits wie eine Jagdbeute präsentiert. Scheinhinrichtungen, später echte Exekutionen. „Wart mal eben, ich will das filmen“, ruft ein Mann mit der Kamera. Es ist wie ein Urlaubsvideo aus den Camping-Ferien. Anschließend braten sie sich gemütlich ein Schwein am Grill. Für diese Bilder hatte der Strom noch genügt, sonst hätte man die Täter von Srebrenica nie gefunden. Viele kennen die Bilder, man findet das Video in der örtlichen Videothek.
Die Mörder tragen serbische Uniformen. Fahrzeuge der Spezialeinheiten sind zu sehen, die ganz normale Polizei daneben. Es ist einer der ganz wenigen Beweise dafür, dass Serbien und nicht nur die bosnischen Serben an Kriegsverbrechen beteiligt sind, was Belgrad jahrelang leugnete. Oft waren die Leichen mehrfach umgebettet worden, um Spuren zu verschleiern. Die internationale Gemeinschaft schaute von oben zu. Auf Luftaufnahmen aus der Zeit kann man sehen, wie Grabfelder auftauchen und wieder verschwinden. Aber Srebrenica stellt auch eine Wende dar. Insofern war Mladić indirekt dafür verantwortlich, dass sich doch etwas änderte. Der Westen griff militärisch ein und errichtete das Tribunal von Den Haag. Internationale Haftbefehle konnten ausgestellt, wenn auch nicht immer umgehend realisiert werden, aber immerhin Grundlage wurden für die Einsetzung des sogenannte Welt-Völkerrechts. Demnach konnten gegen Kriegsverbrecher in jedem Mitgliedsland des Gerichthofes Anklagen erhoben werden, unabhängig vom Schauplatz der Verbrechen. Dem war Mladić dann doch nicht mehr gewachsen.
1942 in Bosnien geboren, machte er schnell Karriere in der jugoslawischen Volksarmee, ab 1991 war er Kommandeur des neunten Corps in Knin. Als sich die serbische Krajina-Provinz von Kroatien abspaltete, kam es auch hier zum Krieg.
1992 wurde Bosnien von der internationalen Gemeinschaft anerkannt, im Bosnienkrieg war Mladić bereits Brigadegeneral, wurde bald Generalstabs-Chef. Neben dem politischen Kopf der bosnischen Serben, Karadzić, wurde Mladić die prägende Figur dieser Jahre. Nicht zuletzt die serbischen Massaker waren dafür verantwortlich, dass viele Journalisten meinten, etwas tun zu müssen für die Opfer. „Journalisten helfen Journalisten“ hat sich darum gekümmert. Der Spruch, Journalisten könnten doch nichts tun gegen die Ungerechtigkeit der Welt, man kann ihn so nicht stehen lassen.
Auch nach seiner Festnahme war die Gewalt noch längst nicht zu Ende. Zeugen für Den Haag wurden angefahren von Verwandten der Den Haager Gefangenen. Andere Angehörige von Kriegsverbrechern schicken Morddrohungen. 50.000 Euro Kopfgeld soll man damals auf die sogenannten „Verräter“ ausgesetzt haben. Andere Zeugen wurden gleich vor der Haustür erschossen. Man kannte selber einige und musste nach der Ausstrahlung der Berichte um ihr Leben fürchten.
Maldić ist eben auch „nur“ der Kopf eines gewaltigen Kriegsverbrechens, das weiter reicht als nur bis Srebrenica, das bis heute Serbiens staatliche Identität und den Weg ins EU-Europa belastet.
2017 wurde er in zehn von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun starb er im Gefängniskrankenhaus. Und es ist ein gutes Gefühl, dass man nun keine Nachrufe für ihn mehr bereithalten muss.

Thomas Morawski, ehem. ARD Korrespondent für Südosteuropa