
Foto: picture alliance / Sammlung Richter
Zum Tod von Friedhelm Brebeck
Im Alter von 91 Jahren ist am 17. Januar 2026 der ARD-Journalist Friedhelm Brebeck gestorben. Wenn das Wort „Reporterlegende“ etwas gilt, dann für ihn. Dies ist vor allem mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien verbunden, der auch zum Gründungsimpuls für JhJ e.V. wurde.
Die Stimme rau und unverwechselbar, die Lederjacke wie eine Schutzweste, und darum herum die Bilder von Tod und Elend. So wird er in Erinnerung bleiben, bei allen, die sich noch erinnern. Brebeck hielt fast so lange in Sarajevo aus, wie die Belagerung der bosnischen Stadt dauerte, 1425 Tage. Schon davor war er jahrzehntelang der Krisenkorrespondent der ARD, das einprägsamste Gesicht des Deutschen Fernsehens, wenn es galt, das blutige Weltgeschehen ins Wohnzimmer zu holen: der Sturz des Schahs 1979 in Teheran, der Bürgerkrieg im Libanon. Dabei stellten Brebecks Berichte überwiegend die Opfer in den Mittelpunkt, „er brachte die Deutschen dazu, die Leiden anderer zu betrachten“, sagt der eine Generation jüngere Radioreporter Martin Durm, der Brebeck 1994 in Sarajewo erstmals traf und zu seinem Freund wurde.
2023 widmete Durm ihm im SWR ein
akustisches Denkmal . Da waren sie wieder zu hören, die Reibeisenstimme mit dem warmen Timbre eines Barsängers, und der kühle Sarkasmus, der auch als Selbstschutz funktioniert. Nie habe er geglaubt, „dass man mit Bildern etwas verändern könne“, schon gar keine Kriege beenden, sagte Brebeck da im Rückblick. Auch nicht mit den Bildern, für die er sein Leben riskierte.
Für Heroismus war dieser Mann verdorben, schon als Kind hatte er, Jahrgang 1934, Tote und Trümmer genug gesehen. Brebeck wurde im nordrhein-westfälischen Velbert geboren, die Mutter Verkäuferin, der Vater Modellbauer. Bei Kriegsende war er elf. Die Schule brach er ab, zog bald durch die Welt, verdingte sich auf Baustellen in Schweden, als Schwimmlehrer in Paris, war zeitweise Kirmesboxer. Die passende Statur hatte er, groß, kräftig, breitschultrig. Es war die Zeit, als Schausteller und Journalisten in den Augen eher bürgerlicher Zeitgenossen noch in etwa derselben Kategorie angehörten.
Bei der Westdeutschen Rundschau in Wuppertal machte er ein Volontariat, wurde Redakteur bei der Rheinischen Post in Düsseldorf. Von der Zeitung kam er zum Fernsehen, erst zum SWR, dann zum BR. Er war keim Schönredner, aber einer, der immer eine Geschichte erzählen konnte, lebensnah, echt. Der stolz darauf war, über Bilder von Toten nicht hinweg zu texten, sondern sie einfach wirken zu lassen, „sogar mal 20 Sekunden lang, eine Ewigkeit in der Tagesschau“, wie er wusste. Er erhielt alle Medienpreise, die im Fernsehjournalismus zu vergeben sind.
Nach der Rente zog er seiner Frau zuliebe von München ins idyllische Ahr-Tal, einhundert Meter weg vom Fluss. 2021 kam das Hochwasser, Brebeck und seine Frau Ulrike wurden in letzter Minute aus dem vierten Stock ihres Mietshauses gerettet. Ende 2022 verstarb dann seine Frau, und Brebeck fühlte sich in dem zerstörten Haus ohne Strom und Heizung an Sarajewo erinnert, „wo wir auch auf dem Boden im Schlafsack lagen“. Aber, so fügte er damals in der Sendung von Martin Durm hinzu: „Krieg ist viel schlimmer.“ Damit bloß keiner auf die Idee kommt, er würde sich selbst bedauern. Das Schicksal sei „weder ironisch noch unbarmherzig“, es sei einfach „das, was kommt“, sagte er.
(Aus einem Nachruf der SZ von Christiane Schlötzer)
Eine ganze Reihe von Brebecks ARD-Kollegen baten in einer Todesanzeige „statt Kränzen“ im Sinne des Verstorbenen um eine Spende für JhJ. Zu den Unterzeichnern gehörte auch JhJ-Mitglied Thomas Morawski, der in einem Nachruf für den BR schrieb:
Auch diejenigen, die mit dem Namen Brebeck vielleicht nicht mehr viel anfangen können, mögen dies gesehen haben: Die hellblauen Flächen mit den einprägsamen Hinweisen auf die Örtlichkeiten der Olympischen Stätten in München. Am Olympiapark in München - oder rudimentär noch am Münchner Flughafen. Das „M“. Typografisch simpel, aber bis heute eindringlich, erinnerbar. Verfasst von dem Team „Visual design“ des Olympischen Komitees in München 1972. Eine Goldmedaille, Null-Nummer sozusagen, designed von einem gewissen Friedhelm Brebeck, hat sich in seinem Nachlass erhalten.
Dabei war es nur ein Job gewesen. Brebeck war da schon eine Reporterlegende, erst beim SWR, dann beim BR, und dann weit über die ARD hinaus.
Nachrufe zu verfassen, heißt auch, hinter die Kulissen einer vergangenen Ära zu blicken, zumal im Journalismus. Häufig merkt man gerade bei solchen nicht eben freudigen Gelegenheiten, wenn und wie eine Ära zu Ende ging.
Er wollte nicht, dass noch groß Aufhebens gemacht wird. Die Aufmerksamkeits-Ökonomie verabscheute er, und zwar schon immer. Ganz getreu seiner Einsicht, die aber eben auch nur zum Teil stimmt: „Prominenz im Fernsehen hat eine sehr kurze Halbwertszeit.“ Das ist sicher richtig bei den meisten, aber eben nicht bei allen. Bei Friedhelm Brebeck nicht. Wenn er berichtete oder zugeschaltet war, musste man keine Werbung machen. Präsenz nennt man das.
Anweisungen, gar Befehle, galten ihm nichts, selbst wenn sie in Gestalt von Dienstanweisungen daherkamen. Viele wollten wie er sein. Geschafft hat es kaum jemand, wie auch.
Es gab auch den völlig anderen Brebeck. Jenen, der sich kümmerte, der im von den Serben eingeschlossenen Sarajevo eine Suppenküche aufbaute, mit der bis zu 6000 Bosnier täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgt werden konnten. Es gibt sie übrigens immer noch. Weil die Kriegszeit in Wirklichkeit bis heute noch nicht überwunden wurde.
Es gab auch und vor allem den Perfektionisten, der seine Manuskripte handschriftlich auf einzelnen Zetteln bearbeitete. Lange nicht am PC. Legendär sind die Eindrücke, wenn etwa in der Zeit des sich auflösenden „Eisernen Vorhangs“ der ganze Boden des improvisierten Studios in Budapest mit zerknüllten Papieren übersäht war. Alles Textentwürfe, für ihn, und ganz ohne Abnahme, nicht gut genug für die Tagesschau zuhause. In der Hotelbar nebenan galt er da längst als Legende.
Dabei war er nicht einer dieser Luxus-Korrespondenten, die Ihre News aus den elitären Zirkeln an den Bars dieser Welt bezogen. Seine Welt waren die Kutscherstuben irgendwo in Wien, Budapest oder Bukarest, wo er belauschte, wie das Volk so tickte. Die mit eisernen Knüppeln drohenden Bergarbeiter des rumänischen Schil-Tales sah er nicht als persönliche Bedrohung, sondern als Kumpel, die mal zu Wort kommen mussten. Auf Empfängen war er dagegen während seiner langen Jahre in der österreichischen Hauptstadt nicht zu treffen.
Als Korrespondent in den Jahren der leeren Supermarktregale in Belgard, in den späten 1980ern, suchte er nicht das Weite, sondern fuhr mit den örtlichen „Stringern“, den Mitarbeitern, mit dem Ruderboot raus auf die Donau und ging fischen, damit sie auch alle was zu essen hatten. Brebeck war ein Mann für die kleinen Leute, hätte dieses Attribut aber vehement abgelehnt.
Seine grenzenlose Geduld wurde auch am Ende seines Lebens deutlich. Im legendären Hochwasser im Ahrtal, wohin er sich zurückgezogen hatte, verlor er 2021 Hab und Gut, wie man so sagt, heißt praktisch: Papiere, Auto und Rollator. Und Postanschrift. Für die Bürokraten dieses Landes war er damit weg.
Er meldete sich natürlich trotzdem wieder. Mit neuesten Eindrücken aus seinem, dem wahren Leben. Immer schön geschrieben im Schrifttyp Century Gothic, wie er das in seinen Jahren bei Olympia-PR Guru Otl Aicher 1972 gelernt hatte; immer mit brisanten Infos aus dem Stammtisch-Leben des Rheinlandes, z.b. über die Lebensumstände ehemaliger Bonner Fürsten. Und es war jedes Mal ein Blick in ganz besondere Sümpfe und ein Genuss, der sich allerdings nie in Schlagzeilen wiederfand. Er meinte, Ruhestand ist Ruhestand. Es war seine persönliche Genugtuung, dass die angeblich Großen da oben auch nur kleine Geister sind.


